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Flüchtlingskrise
Balkanstaaten überfordert - chaotische Szenen an den Grenzen

Polizei stoppt Flüchtlinge an slowenischer Grenze
Polizei stoppt Flüchtlinge an slowenischer Grenze FOTO: ap
Zagreb. Die Balkanstaaten versuchen die Flüchtlingskrise mit Grenzsperrrungen in den Griff zu bekommen. Gegenseitig weisen sich Regierungen die Schuld zu. An den Grenzen spitzt sich die Lage zu. Slowenien setzt Pfefferspray gegen Flüchtlinge ein. Ungarn entwaffnet angeblich kroatische Polizisten.

Südosteuropa reagiert in zunehmendem Maße mit Grenzschließungen, Brückenblockaden und weiteren Stacheldrahtzäunen auf die Ankunft Tausender Flüchtlinge. Asylsuchende, die vor wenigen Tagen an der ungarisch-serbischen Grenze von Wasserwerfern und Tränengas vertrieben wurden und Richtung Westen flohen, fanden sich nun auf ihrer Rückkehr nach Serbien wieder, während Kroatien seine Ohnmacht wegen der hohen Zahl an Neuankömmlingen offenbarte. Der Europäischen Union fehlt noch immer ein einheitlicher Umgang mit der Krise.

Nach Kroatien, einem der ärmsten Länder in der EU, strömten innerhalb von nur drei Tagen mindestens 17 089 Menschen, die meisten von ihnen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Regierungschef Zoran Milanovic verkündete, dass die kleine Nation mit ihren knapp 4,2 Millionen Einwohner nicht mit den Massen an Flüchtlingen klarkommen könne.

"Ihr seid in Kroatien willkommen und könnt durchreisen. Aber geht weiter. Nicht, weil wir euch nicht mögen, sondern weil dies nicht euer endgültiges Ziel ist", sagte er. "Kroatien hat gezeigt, dass es ein Herz hat. Wir müssen aber auch zeigen, dass wir Verstand haben." AP-Reporter konnten sehen, wie am Nachmittag 19 Busse voller Migranten von Kroatien aus über die Grenze ins ungarische Beremend gebracht wurden. Dort soll eine sogenannte Transitzone eingerichtet werden, wo die Menschen Asyl beantragen können.

Der ungarische Außenminister Peter Szijjarto bezeichnete das Vorgehen von Milanovic als "erbärmlich". Während Kroatien die Menschen passieren lässt, sagen Ungarn und Slowenien, dass eine Erlaubnis zum Grenzübertritt gegen EU-Richtlinien verstoße.

Rund 500 Menschen versammelten sich an der kroatischen Grenze und forderten, nach Slowenien gelassen zu werden. "Wir gehen nach Slowenien" und "Freiheit, Freiheit" skandierten die Migranten am Freitag am Grenzübergang Harmica. Die slowenische Polizei hinderte die Flüchtlinge mit Pfefferspray am Grenzübertritt.

Die Unstimmigkeit zeigte sich erneut an der ungarisch-kroatischen Grenze: Ungarische Behörden stoppten einen Zug aus Kroatien mit 1000 Migranten und warfen dem Nachbarn vor, den Transport nicht mit Ungarn abgestimmt zu haben. Der Zugführer wurde festgenommen, 40 kroatische Polizisten, die die Flüchtlinge begleitet hatten, wurden entwaffnet, wie der ungarische Heimatschutzberater Gyorgy Bakondi am Freitag sagte. "Diese Leute sind ohne vorherige Rücksprache an die Grenze gekommen, ohne Rücksicht auf offizielle Kanäle", sagte Regierungssprecher Zoltan Kovacs. Kroatien widersprach dieser Darstellung. 

Das UN-Flüchtlingshilfswerk warnte davor, dass das Problem am Nicht-EU-Land Serbien hängenbleiben könnte, in das täglich etwa 4000 neue Flüchtlinge aus Griechenland strömten. "Die Krise wächst und wird von einem Land ans andere weitergeschoben", sagte Adrian Edwards vom UNHCR. "Ihr werdet dieses Problem nicht durch das Schließen von Grenzen lösen."

Die Leidtragenden der Streitigkeiten: die Flüchtlinge. Die Misere der Männer, Frauen und Kinder war in etlichen Orten auf dem Balkan zu erkennen, etwa in der kroatischen Stadt Beli Manastir an der Grenze zu Ungarn. Menschen schliefen auf den Straßen, in Zügen und an einer Tankstelle. Wenn Busse kamen, drängten sie sich hinein, ohne zu wissen, wohin sie damit überhaupt gebracht werden.

Nach UNHCR-Angaben haben in diesem Jahr bereits 442 440 Menschen das Mittelmeer in Richtung Europa überkehrt. 2921 starben dabei. Die Internationale Organisation für Migration spricht von 473 887 Überquerern und 2812 Toten.

(ap)
 
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