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London
Jo Cox' Ermordung ändert alles

London: Jo Cox' Ermordung ändert alles
Die Trauer um die ermordete Labour-Politikerin Jo Cox in Großbritannien ist groß. Am Tatort häufen sich Blumen zum Gedenken. FOTO: AFP
London. Die Labour-Politikerin könnte posthum zur Galionsfigur der Brexit-Gegner werden. Daran hatte es ihnen bislang am meisten gefehlt. Von Tobias Jochheim

Die am Donnerstag von einem Nationalisten ermordete Labour-Politikerin Jo Cox war es gewohnt, anzuecken mit ihrem Kampf gegen Rassismus, Sexismus und Fremdenhass. Bei einer Trauerrede am Tatort betonte ihre Schwester Kim Leadbeater allerdings, dass Cox die Zahl der Beschimpfungen und Drohungen gegen sie stets optimistisch eingeordnet hatte: "Sie sprach immer von der schweigenden Mehrheit, die auf ihrer Seite stehe."

Ob es eine Mehrheit der politischen Mitte tatsächlich gibt und falls ja, ob sie ihr Schweigen bricht, wird sich am Donnerstag beim Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU erweisen.

So läuft die Abstimmung ab

Mit der Bestätigung des politischen Hintergrunds der Bluttat bekommt die Debatte um diese Schicksalsfrage eine neue Dynamik: Nicht bloß Spekulationen über den Einfluss des Abschneidens der drei britischen Teams England, Wales und Nordirland bei der Fußball-EM auf das Abstimmungsverhalten sind damit hinfällig, sondern sämtliche zuvor errechneten Prognosen.

Bislang vermelden die Demoskopen noch keine Verschiebungen im geplanten Stimmverhalten, die eindeutig auf Cox' Ermordung zurückzuführen wären. Die Umkehrung des Verhältnisses zu 45 gegenüber 42 Prozent pro EU-Verbleib statt andersherum wie noch am Donnerstag könnte auch aus Sorge um die wirtschaftlichen Folgen eines Ausstiegs resultieren, zu dem zuletzt Schreckensszenarien kursierten.

FOTO: http://politicalweb.co.uk/ Grafik: Ferl

Doch nun ist auch der erste Schock über die Bluttat verdaut und die Wahlkampfpause vorüber. Mit der Frage, ob und wie sie abstimmen wollen, dürften sich nun viele unter völlig anderen Vorzeichen befassen - oder auch erstmals überhaupt. Dabei stellt sich letztlich die Frage, ob man moralisch verantworten kann, für einen Brexit zu stimmen, zu dessen Verfechtern auch der mutmaßliche Attentäter zählte. Darüber dürfte sich vor allem der Scharfmacher Nigel Farage von der rechtspopulistischen Partei Ukip nicht beklagen, sind sich Beobachter einig. Juristisch ebenso unschuldig wie jeder andere außer dem Täter, müsse er sich eine moralische Mitverantwortung vorwerfen lassen: Mit seiner aggressiven Rhetorik habe Farage den Nährboden für physische Gewalt bereitet. Erst gestern sagte Farage in einer Talkshow des Fernsehsenders ITV, die Brexit-Kampagne habe durch den Mord an Jo Cox an Dynamik eingebüßt.

Attentate wie jene auf Cox oder die damalige Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker wie auch Anschläge auf Flüchtlingsheime "ereignen sich" nicht einfach so im luftleeren Raum, sie werden aktiv begangen. Und zwar, so beklagen viele, als Folgeerscheinungen des verbalen Wettrüstens von Gegnern liberaler Flüchtlingspolitik gegen die angeblichen "Volksverräter" in den amtierenden Regierungen.

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Denen fehlen nicht nur griffige Konter gegen die einfachen Botschaften wie "Merkel raus", "Grenzen zu" oder eben "Raus aus der EU" - sondern auch charismatische Köpfe. Leidenschaftliche Verteidiger Europas gab und gibt es auf der Insel kaum: Labour-Chef Jeremy Corbyn betrachtet die EU als kleineres Übel, am heftigsten gegen den Brexit stemmt sich der unbeliebte Premier David Cameron, der die Europa-Müdigkeit seines Volks fatal unterschätzt hatte, als er das Referendum Anfang 2013 für den Fall eines Wahlsiegs 2015 versprach.

Dass die Brexit-Befürworter sehr viel aktiver und auch vernetzter sind, zeigt eine Analyse des Kommunikationsforschers Nick Anstead von der London School of Economics. Sie basiert auf einer Auswertung der Social-Media-Beobachter Linkfluence, die 819 britische politische Internetseiten und Blogs untersucht haben ("UK Political Web Observatory", www.politicalweb.co.uk).

Wer im Netz mit wem inner- und außerhalb des eigenen Lagers über Politik debattiert, bilde nicht direkt die Realität außerhalb des Internets ab, räumen die Forscher ein. Online würden aber große Teile der Dialoge gestaltet, bevor diese in die klassischen Medien und öffentlichen Diskussionen hinüberschwappten. Dass unter den 30 einflussreichsten Websites nur vier eine klare Pro-Brexit-Haltung verträten, spreche nicht unbedingt für einen Verbleib: "Es kann auch eine Abkopplung der politischen Eliten von weiten Teilen der Bevölkerung bedeuten."

Die Politiker der Mitte müssen sich vorwerfen lassen, blind und taub dafür geworden zu sein, dass gerade über alle Zweifel erhaben scheinende Errungenschaften wie die Idee Europa leidenschaftliche Fürsprecher brauchen. Jo Cox könnte posthum als eine solche erkannt werden.

Quelle: RP
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