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Kommentar zum Referendum in Griechenland
Ein schwarzer Tag für die Währungsunion

Kommentar zu Griechenland - Ein schwarzer Tag für die Währungsunion
Dunkle Wolken über der Akropolis: Griechenland droht die Staatspleite. FOTO: dpa
Meinung | Athen/Düsseldorf. Vor Wochen hätte man über ein Referendum der Griechen reden können. Jetzt aber bleibt den Geldgebern nichts anderes übrig, als ohne Athen zu planen. Das europäische Haus ist auf Sand gebaut. Von Antje Höning

Die griechische Regierung hat sich entschieden: Sie schlägt das überaus großzügige Angebot der Geldgeber aus, mit dem diese der Regierung von Alexis Tsipras eine goldene Brücke bauen wollten. Stattdessen spielt Tsipras kurz vor Ende der Partie eine Überraschungskarte: Nun sollen die griechischen Wähler in einem Referendum über die Sparpläne entscheiden. Vor ein paar Wochen wäre das durchaus ein bedenkenswerter Vorschlag gewesen, die griechischen Wähler selbst hätten über die Zukunft ihres Landes entschieden. Nicht umsonst hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble einst auch Sympathie für die Idee erkennen lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt gespielt, erweist sich die Karte aber als gezinkt. Es geht Tsipras nicht um Demokratie, sonst hätte er das Referendum schon längst abhalten können. Es geht Tsipras um ein letztes Zocken. Überzeugt davon, dass Kanzlerin Angela Merkel und Währungsfonds-Chefin Christine Lagrade sein Land im Euro halten wollen, versucht er nun, mit einem neuen Trick das geforderte notwendige Reformprogramm vom Tisch zu bekommen.

Doch dieses Mal scheint Tsipras sich verzockt zu haben. Den Bürgern in Europa reichen die griechischen Mätzchen schon lange, nun ist auch die Geduld der Geldgeber am Ende. Sie reden nicht mehr darüber, wie man Griechenland im Euro hält, sondern wie man den Euro ohne Griechenland erhält. Das ist verständlich. Es gibt viele gute Gründe, gegen den Grexit zu kämpfen – ökonomische, historische, politische. Und die ganzen Basta-Politiker von CSU und AfD werden sich noch wundern, wie der Grexit nicht nur Griechenland, sondern auch Europa erschüttern wird - wenn er am Ende nicht durch eine überraschende Volte doch noch verhindert wird. Bei der Lehman-Pleite 2008 brachen auch deutschen Unternehmen binnen Tage alle Aufträge weg, die nichts mit der US-Investmentbank zu tun hatten. Der allgemeine Vertrauensverlust stürzte die Weltwirtschaft in eine Rezession, die man nicht wiederholen sollte. Doch am Samstagnachmittag war der Punkt erreicht, an dem die Geldgeber den Griechen nicht länger nachgeben konnten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Währungsunion als eine Gemeinschaft von Werten und Spielregeln hätte sich aufgegeben, wenn die Geldgeber den Griechen abermals gefolgt wären.

Fotos: Menschen in Athen - Stimmen vom Abgrund FOTO: dpa, htf

Der 27. Juni 2015 wird als ein schwarzer Tag in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Es ist der Tag, in dem Griechenland die Vision von der Euro-Zone als eine auf Dauerhaftigkeit und Vertrauen angelegte Währungsunion beerdigt hat. Die Botschaft des Tages: Der Euro ist reversibel, wer heute im Euro ist, muss es nicht bleiben. Dass gern beschriebene europäische Haus ist in Wahrheit auf Sand gebaut, jetzt sacken die ersten Zimmer weg.

Weil es die Euro-Zone in den über 15 Jahren ihres Bestehens versäumt hat, sich eine Insolvenzordnung für Staaten zu geben, die den Bankrott eines Euro-Landes plan – und kalkulierbar macht, droht nun Griechenland, aber auch Europa chaotische Wochen zu erleben. Dreht am Montag die Europäische Zentralbank (EZB) den Hahn für Notkredite zu, was sie angesichts der faktischen Pleite vieler griechischer Banken längst hätte tun können, "isch over" (Schäuble). Und selbst wenn die EZB weitere Notkredite vergibt, ist Dienstagnacht Schluss, wenn Griechenland erwartungsgemäß die fälligen 1,6 Milliarden Euro für den IWF nicht aufbringen kann.

Griechen protestieren gegen Sparpolitik der EU FOTO: afp, AG

Es ist nur ein schwacher Trost, dass der Schuldige für den drohenden Bankensturm und Börsencrash klar benannt werden kann: die Regierung in Athen. Es bleibt ein Funken Hoffnung, dass Tsipras bis Montag doch noch zur Vernunft kommt. Seine Wähler, die kein Bargeld mehr abheben, sich kein Benzin und keine Medikamente mehr leisten können, sind es, die am meisten unter einem Grexit leiden werden.

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