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Umgang mit Schwulen und Lesben
Europas homophobe Seite

Nach Orlando-Attentat: Europas homophobe Seite
FOTO: afp, io
Düsseldorf. Der Attentäter von Orlando soll schwulenfeindliche Motive gehabt haben. Studien zeigen, dass die Lage für Homosexuelle auch in Europa schwierig ist. Vor allem im Osten sind Rechtslage und gesellschaftliches Klima heikel. Von Jörg Isringhaus

Ein Kuss ist nur ein Kuss, lautet eine berühmte Liedzeile aus dem Film "Casablanca". Kommt darauf an, wer wen unter welchen Bedingungen küsst, möchte man heute hinzufügen. Denn trotz rechtlicher Fortschritte bei der Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (LGBT) gerade in Westeuropa gibt es in vielen Ländern noch enormen Nachholbedarf – sowohl hinsichtlich der Rechtslage als auch der gesellschaftlichen Akzeptanz.

"Keep calm – it's just a kiss" (Bleib ruhig, es ist nur ein Kuss) lautet auch der Titel einer aktuellen Kino-Kampagne, bei der Spots sich küssender Frauen und Männern gezeigt werden. In vielen Lebensbereichen, etwa in der Schule, habe sich für Homosexuelle gar nichts getan, erklärte Kampagnen-Initiator Uwe Koeberich seinen Ansatz. Das beliebteste Schimpfwort in der Schule sei immer noch "schwule Sau".

Polen schneidet beim Regenbogen-Index am schlechtesten ab

Auch Omar Mateen, der Attentäter von Orlando, soll homophob, also schwulenfeindlich gewesen sein. Der Anblick zweier küssender Männer habe ihn wütend gemacht, berichtete sein Vater. Mateen suchte sich als Anschlagsziel einen Schwulenclub aus und richtete dort ein Blutbad an. Wie ausgeprägt Mateens Hass auf Homosexuelle war oder ob er sie als Symbol einer degenerierten Gesellschaft begriff, ist noch offen. Klar ist aber, dass nicht nur die USA oder von Islamisten beherrschte Regionen Probleme mit homophober Gewalt haben.

Im Büro von Lambda, der größten Organisation zur Verteidigung der Rechte schwuler und lesbischer Menschen in Polen, wurden zuletzt Fenster zertrümmert und Hassparolen an die Tür geschmiert. "Es gibt keinerlei Chance, in dieser Legislaturperiode ein Gesetz zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu verabschieden", sagt Adam Bodnar, der Ombudsmann für Bürgerrechte.

Kein Wunder, dass Polen, wo seit November die Nationalkonservativen regieren, beim aktuellen Regenbogen-Index der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) europaweit mit am schlechtesten abschneidet. Bewertet wurde, inwieweit Schwule und Lesben gleichberechtigt sind, basierend auf der länderspezifischen Rechtslage, und zu wie viel Prozent sie die zugrunde gelegten ILGA-Kriterien erfüllen.

Während die osteuropäischen Staaten kaum über 30 Prozent hinauskommen, erschrecken auch die Werte für das EU-Gründungsmitglied Italien (20 Prozent) und die Schweiz (33 Prozent). Zu den Schlusslichtern gehören Russland (sieben Prozent), die Türkei (neun Prozent) und Lettland (17 Prozent), das laut ILGA über das Bildungsgesetz gar eine Moralklausel in die Lehrpläne integriert habe. Im Regenbogen-Index vorne liegen Malta, Belgien und Großbritannien mit jeweils mehr als 80 Prozent, Deutschland bewegt sich mit 55 Prozent im Mittelfeld.

Angst vor Diskriminierung

Die teils bedenkliche Rechtslage für Homosexuelle in Europa ist aber nur das eine. Denn selbst in Ländern mit einer weitreichenden Gleichstellung ist das gesellschaftliche Klima nicht uneingeschränkt positiv. So sprechen laut einer Studie des niederländischen Sociaal en Cultureel Planbureau vom vergangenen Jahr zwar 84 Prozent der Deutschen Homosexuellen eine freie Lebensgestaltung zu, allerdings wollen immerhin noch 22 Prozent Schwule nicht als Nachbarn haben. Diese Kluft zwischen rechtlicher Akzeptanz und gesellschaftlicher Intoleranz lässt sich auch in anderen westlichen Ländern beobachten. Die Verfasser der Studie destillierten daraus die Formel: "Sei schwul, wenn du meinst. Aber nicht in meiner Nachbarschaft."

Was immer noch dazu führt, das belegt etwa eine Erhebung der EU-Grundrechteagentur, dass ein großer Teil der Schwulen und Lesben in Deutschland seine sexuelle Orientierung nicht öffentlich zeigt – aus Angst vor Diskriminierung. Die laut der Untersuchung mindestens ein Drittel der Befragten schon erlebt hat, bei der Wohnungssuche, im Beruf oder auf der Straße. Rund ein Viertel der Teilnehmer wurde körperlich attackiert, nur ein geringer Prozentsatz erstattete Anzeige – aus Angst vor erneuter Zurücksetzung.

Dennoch ist die Situation für Homosexuelle in Deutschland vergleichsweise entspannt. So bestätigt die niederländische Studie, dass Europa hinsichtlich der Toleranz für LGBT-Personen gespalten ist. Während in Island, Dänemark und Holland mehr als 90 Prozent der Befragten Homosexuellen dieselben Rechte zugestehen wie Heterosexuellen, sinkt die Zustimmung in osteuropäischen Ländern wie Russland, Ukraine oder Litauen auf rund 15 Prozent. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) führte das in der Deutschen Welle auf die Erfolge rechtspopulistischer Parteien in Europa zurück. "Rassismus und Homophobie hängen zusammen", sagte sie. Und: "Ist es nicht verrückt, dass bei der EM kein einziger offen schwuler Fußballer mitspielt?"

Coming-out in kleineren Orten auch heute noch problematisch

Auch in Deutschland müsse man sich fragen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen, erklärte die Politikerin. Das verdeutliche etwa der Erfolg der AfD, die sich gegen die Gleichberechtigung homosexueller Paare positioniere. Zudem lebe nicht jede LGBT-Person in Köln, Hamburg oder Berlin – in kleineren Orten sei ein Coming-out oftmals auch heute noch problematisch. Sie wünsche sich stärkere Signale.

Die kommen zuletzt ausgerechnet aus Reihen der konservativen CSU. Bei der Münchner Parade zum Christopher Street Day, dem schwul-lesbischen Karneval, fuhr am Wochenende ein Wagen des "Lesbisch-Schwulen Netzwerks der CSU", kurz LSU, mit. Auf 80 Mitglieder kommt das Netzwerk, Ziel ist es, die völlige Gleichstellung lesbisch-schwuler Partnerschaften mit der Ehe ins Parteiprogramm zu bringen. So war der Wagen garniert mit Sprüchen wie "CSU – anders als man denkt" und "Bayern. Die Vielfalt". Ein offizieller CSU-Beitrag war das zwar nicht, aber eben: ein Signal.

Quelle: RP
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