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Europawahl
Ukip erobert die Briten mit Hass auf die EU

Nigel Farage - Ukip-Chef hat Erfolg mit Hass auf die EU
Ukip-Chef Nigel Farage punktet bei den Briten mit Anti-EU-Parolen und gezielten Pöbeleien. FOTO: afp, ad/aa
In den Umfragen zur Europawahl liegt die rechtspopulistische United Kingdom Party in Großbritannien inzwischen vorne. Mit einer Politik aus verstecktem Rassismus, gut kalkulierten Pöbeleien und Europa-Hass lehrt Nigel Farage mit seinen Mitstreitern Labour und Konservativen das Fürchten. Von Philipp Stempel

Die Europawahl am 25. Mai birgt Krisenpotential. In mehreren Ländern liegen die Populisten vorne, die Anti-Parteien, wie die Wochenzeitung "Zeit" sie unlängst nannte. Ihr Erfolgsrezept: Anders sein als die Etablierten, denen sie vorwerfen, den Kontakt zu Nöten und Sorgen der Menschen vollends verloren zu haben.

Als ein Meister dieser Kunst erweist sich insbesondere der Brite Nigel Farage. Derzeit hält er die britische Öffentlichkeit in Atem. Er ist eloquent, kann so witzig wie unterhaltsam sein, hat aber auch keine Scheu, Beleidigungen auszustoßen und auf Kosten anderer zu agieren. Bis auf 31 Prozent Zustimmung hat er es damit in Umfragen gebracht, noch vor den Sozialdemokraten (28 Prozent) und den regierenden Tories von Premier David Cameron (19 Prozent). Seit Jahren schon beschwört der 50-jährige Farage ein politisches Erdbeben - jetzt könnte es bald wirklich so weit sein.

Zwei Botschaften an die Briten

Er versteht es, mit Andeutungen oder verkürzten Antworten, Ressentiments zu bedienen. Der Rückzug auf die Insel dient ihnen als Allheilmittel gegen Unsicherheiten wie Arbeitslosigkeit, Wohlstandsverlust und Überfremdung. Zwei simple Botschaften hämmert Farage den Briten mit Nachdruck ein.

Erstens: die Einwanderung stoppen. Auf Plakaten warnte Ukip, 26 Millionen arbeitslose Ausländer aus der EU wollten den Briten ihre Jobs wegnehmen. Ein Motiv der Kampagne zeigt einen bettelnden Bauarbeiter. Billige Arbeitskräfte vom Festland dienen als Schreckgespenst. Welche Vorteile Briten auf dem Arbeitsmarkt durch die EU haben, blendet Ukip aus.

Zweitens: Großbritannien muss raus aus der EU. Auch in diesem Fall transportiert ein umstrittenes Plakat die Botschaft: Darauf ist zu sehen, wie ein Loch in die britische Flagge hineinbrennt, dahinter ist die Flagge der EU zu sehen. "Wer regiert wirklich dieses Land?", steht darüber. Die Briten müssten die Kontrolle über ihren eigenen Grund und Boden zurückerobern, fordert Farage. Den Euro hält er für "Wahnsinn", die Briten will er herausführen aus der EU. Im Übrigen kämpft seine Partei gegen Windräder und die Homo-Ehe.

Im Parlament beschimpft er den EU-Ratspräsidenten

Den Vorwurf, seine Partei sei anti-europäisch, weist Farage zurück. Dies sei lächerlich. Was er immer wieder kritisiert, ist "eine teure Bürokratie und grundlegend undemokratisches Regieren". Für Europas Symbole hat er nur Verachtung übrig. "Ich hasse die Flagge. Ich hasse die Hymne. Ich hasse die Institutionen", sagt der Brite. Ginge es nach Farage, sollte Europa aus "miteinander kooperierenden souveränen, unabhängigen, demokratischen Nationen" bestehen, niemals aber aus einem Einheitsstaat.

Damit trifft er derzeit am besten einen tief in Großbritannien verankerten Nerv. Und das nicht nur, weil er mit einfachen Rezepturen Ängste und Vorurteile bedient. Sondern auch, weil er geschickt zu provozieren weiß. Das Youtube-Video, in dem Farage dem EU-Ratspräsidenten Herman van Rompuy von Angesicht zu Angesicht das Charisma eines feuchten Scheuerlappens bescheinigte, wurde jedenfalls zu einem großen Erfolg.

"Bongo-Bongo-Land"

Dabei bietet die Ukip auch weniger geschickten Geistern ein Auffangbecken für Rassismen und Beschimpfungen. Ein Abgeordneter im EU-Parlament, wo Ukip mit mehreren Abgeordneten vertreten ist, sprach über Afrika als "Bongo-Bongo-Land", ein Lokalpolitiker sorgte für Aufruhr, weil er einem dunkelhäutigen Komiker öffentlich empfahl, doch einfach in ein schwarzes Land zu emigrieren. Andere riefen im Internet dazu auf, Moscheen anzuzünden, oder veröffentlichten gar Fotos mit Adolf Hitler.

Auch wenn sich Farage von einigen dieser "Idioten", wie er sie selbst nennt, trennte, dient Ukip seitdem als Anlaufstelle für derartiges Gedankengut. "Mindestens 10.000 neue Stimmen für Ukip" seien solche Aussagen wert, soll Farage seinen Mitarbeitern zugerufen haben. Früher war es Domäne der Tories, den rechten Rand abzuschöpfen. Der scheint nun verloren an Ukip. David Cameron muss sich nun vorwerfen lassen, die Ukip unterschätzt zu haben, als er sie noch vor Kurzem als Partei von Verrückten und verkappten Rassisten abzutun.

Seine deutsche Frau lässt er für Brüssel arbeiten

Dass Farage mit seinem Vorgehen solche Erfolge erzielt, ist freilich kein Selbstläufer. Der 50-Jährige bietet genügend Angriffsfläche, um selbst als Witzfigur dazustehen. So pöbelt er bereits seit 1999 höchstselbst als Europaabgeordneter im Parlament von Brüssel und kassiert natürlich alle dazugehörigen Bezüge des Systems, das er selbst bekämpft.

Für Wirbel sorgte in Großbritannien mehr noch, dass er seine Frau auch noch als seine Sekretärin einstellte und dafür ebenfalls mit europäischen Steuergeldern bezahlen ließ. Die besondere Pointe: Seine Frau heißt Kirsten und ist Deutsche. Ob sie denn wohl eine der billigen EU-Arbeitskräfte sei, vor denen Ukip immer warne, wollte ein BBC-Reporter von Faraga wissen.

Auch seine Selbstverortung im Milieu der einfachen Briten provoziert einige Fragezeichen. So besuchte Farage eine teure Privatschule und arbeitete vor Beginn seiner Zeit als Anti-EU-Politiker als Börsenmakler. Auch das hat ihn nicht aufhalten können. Die politische Konkurrenz bekämpft die Ukip als Partei der Rassisten. Doch längst schon hat Premier David Cameron auf den Druck der Populisten reagiert und für das Jahr 2017 ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft der Briten angekündigt. 

(pst)
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