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Europa 2013 - eine Analyse: Noch fünf Jahre Euro-Krise

VON ANTJE HÖNING - zuletzt aktualisiert: 28.12.2012 - 20:36

Düsseldorf (RP). Drei Jahre währt nun schon die Euro-Krise. Und sie ist noch lange nicht vorbei, sagt die Kanzlerin. Was haben Europa, die deutschen Sparer und die Unternehmen von 2013 zu erwarten?

Mecklenburg ist kein Platz für Euphoriker. Zu einsam ist die Gegend, zu scharf bläst hier der Nordwind. Und so war es kein Wunder, dass die Kanzlerin ausgerechnet hier, bei einem Landesparteitag der CDU im November, nüchterne Sätze zur Zukunft der Währungsunion fand. Die Überwindung der Euro-Krise werde voraussichtlich noch mindestens fünf Jahre dauern, sagte Angela Merkel. Wer glaube, die Probleme seien in zwei Jahren überwunden, der irre.

Kann das sein? Der Euro hat seine Talfahrt schließlich gestoppt und liegt oft über 1,30 Dollar. Krisengipfel kommen und gehen – und immer wird Athen mit neuen Milliarden vor der Staatspleite bewahrt. "Die Einschätzung der Kanzlerin ist realistisch", sagt Holger Sandte, Chefvolkswirt der Vermögensverwaltungsgesellschaft Meriten Investment. Die Euro-Krise sei vor allem eine Krise falscher Strukturen, und die zu ändern, brauche seine Zeit. Er sagt aber auch: "Die unmittelbare Gefahr, dass die Euro-Zone auseinanderfällt, ist gebannt." Mit dem Versprechen, die Europäische Zentralbank (EZB) werde den Euro retten, habe deren Präsident Mario Draghi die Krise gedreht. Im Sommer 2012 hatte Draghi auf einer Investorenkonferenz in London den berühmten Satz gesagt: "Die EZB wird alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird reichen." Später hatte Draghi sein Versprechen konkretisiert: Die EZB kauft im Notfall unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenländern und verhindert so deren Zahlungsunfähigkeit.

Finanzmärkte danken Draghi

Die begeisterte Reaktion der Finanzmärkte kam prompt und hält an. Die Risikoaufschläge für italienische oder spanische Staatsanleihen fielen, die Aktienkurse legten zu, erst im Dezember war der Dax auf ein Fünf-Jahres-Hoch geklettert. Allerdings gibt es nichts umsonst in der Welt, erst recht nicht in der Wirtschaftswelt. Und für die Euro-Rettung durch die EZB dürften einst die Sparer in Europa bezahlen. Noch reicht den Investoren das Versprechen der Zentralbank, dass diese im Ernstfall hilft. Doch irgendwann wird sie auch liefern und tatsächlich Anleihen aus Krisenstaaten im großen Stil kaufen müssen und im Gegenzug frische Euro hergeben.

Damit steigt die Inflationsgefahr. Und Inflation trifft vor allem die Sparer, deren Vermögen real weniger wert wird. "Inflation ist kein Thema für die nächsten zwei Jahre", sagt Chefvolkswirt Sandte. Dazu sei die wirtschaftliche Entwicklung zu schwach und der Druck auf die Preise zu gering. Für 2013 rechnen auch die Wirtschaftsweisen nur mit rund zwei Prozent Inflation. "Doch in fünf Jahren ist eine Inflationsrate zwischen drei und fünf Prozent denkbar – wenn die Wirtschaft in der Euro-Zone wieder kräftig wächst und die EZB nicht rechtzeitig den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal nimmt", warnt Sandte. Wenn also die EZB nicht rechtzeitig den Anleihenkauf stoppt und die gewaltige Liquidität zum Beispiel durch Zinserhöhungen wieder einsammelt, dürften die Preise mittelfristig kräftig steigen.

Fragezeichen hinter Griechenland

Die meisten Ökonomen rechnen damit, dass der Euro seine schwere Krise überlebt. Ob allerdings alle Länder an Bord bleiben, ist fraglich. "Einiges spricht dafür, dass Griechenland in fünf Jahren nicht mehr dabei ist", meint Sandte. Zu groß der Rückstand in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gegenüber den anderen Euro-Ländern, zu groß die sozialen Spannungen, zu groß die Gefahr, dass künftig die radikale Linke (Syriza) die Regierung stellt und den Reformkurs stoppt.

Seit vielen Jahren steckt das Land in der Rezession. Ob es wirklich in einigen Jahren wieder an den Kapitalmarkt zurückkehren und von Anlegern Kredite bekommen kann, wie die Experten-Troika vor wenigen Wochen optimistisch feststellte, ist fraglich. Manche rechnen damit, dass es schon 2013 zu einem zweiten Schuldenschnitt kommen wird. Nach den privaten müssten nun die öffentlichen Gläubiger, also die europäischen Staaten und damit die Steuerzahler, auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Auch Spanien bleibt ein großes Problem. Der Anteil der Gesamtschulden an der Jahreswirtschaftsleistung liegt mit 86 Prozent zwar noch im Schnitt, doch die Schulden wachsen rasant. Die Neuverschuldung macht in diesem Jahr bereits acht Prozent des Sozialprodukts aus. Das Problem: Das Land hat mit dem Platzen der Immobilienblase sein Wachstumsmodell verloren. Der Bausektor, der das spanische Wachstum über Jahre angetrieben hat, ist noch immer überdimensioniert. Die Immobilienpreise fallen weiter, Banken leiden unter dem Ausfall von Krediten. Um sie zu retten, soll Spanien bis zu 100 Milliarden Euro aus dem Rettungsschirm bekommen. Doch die Reform des Arbeitsmarktes und die Erfindung eines neuen Wachstumsmodells kann der Rettungsschirm den Spaniern nicht abnehmen.

Italiens Zukunft hängt an der Wahl im Februar

Wie es mit Italien, dem anderen Sorgenkind, weitergeht, hängt vor allem vom Ausgang der Wahl im Februar ab. Italien habe drei Optionen, schreibt die britische Wirtschaftszeitung "The Economist". "Die furchtbarste und unwahrscheinlichste wäre die Rückkehr von Silvio Berlusconi." Wahrscheinlicher sei die Wahl einer Mitte-Links-Regierung unter Pier Luigi Bersani. Und das Beste sei die Wiederwahl von Mario Monti, falls dieser antrete. Der Wirtschaftsprofessor war vor einem Jahr an die Spitze einer Not-Regierung gerufen worden und hat das Land durch solides Auftreten und erste Reformen aus den Schlagzeilen geholt. Anders als Griechenland, aber auch Spanien hat Italien grundsätzlich eine leistungsfähige, breit aufgestellte Wirtschaft. Nun braucht es noch eine leistungsfähige Regierung, um von dem hohen Schuldenberg von 120 Prozent herunterzukommen. Nur in Griechenland sieht es mit fast 180 Prozent schlimmer aus.

Und Deutschland? Die größte Volkswirtschaft Europas steht für den größten Teil der Euro-Rettung gerade: Sie haftet für gut ein Viertel der Rettungsschirme. Erstmals trifft die Euro-Rettung nun den Steuerzahler direkt. Auf über 700 Millionen Euro muss der Bundesfinanzminister im nächsten Jahr verzichten, unter anderem, weil Griechenland eine Senkung der Zinsen und mehr Zeit für die Bedienung seiner auch deutschen Kredite zugestanden wurden. Beruhigend, dass es der deutschen Wirtschaft besser geht als dem Rest der Euro-Zone. Für nächstes Jahr erwartet Sandte ein Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent, danach geht es aufwärts – schätzungsweise um 1,5 Prozent 2014, um rund zwei Prozent 2015. Die Arbeitslosigkeit bleibt vergleichsweise niedrig, die Exporte bleiben auf mittlere Sicht der Motor des deutschen Wachstums.

Doch das Gift der Unsicherheit wirkt auch hier: "Die Investitionen in neue Maschinen gehen zurück", sagt Sandte. "Die Unsicherheit über die Zukunft des Euro kostet Deutschland schon jetzt Wachstum."

Quelle: RP/felt/das


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