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Chefökonom Olivier Blanchard
"Das Sparprogramm ist nicht schuld an der Krise"

Olivier Blanchard: "Das Sparprogramm ist nicht schuld an der Krise"
Olivier Blanchard, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. FOTO: dpa, jl sh
Düsseldorf. Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, verteidigt die Rettungspolitik der vergangenen Jahre. Nicht die Helfer, sondern die griechischen Regierungen hätten das Land tiefer ins Elend geführt. Einen Euro-Austritt lehnt Blanchard ab. Von Antje Höning

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist in Griechenland besonders verhasst. Unabhängig, ob er und die anderen Geldgeber "Troika" oder "Institutionen" genannt werden - viele Griechen halten den Währungsfonds für einen Verursacher der Krise. Dagegen wehrt sich nun Olivier Blanchard, Chefökonom des Währungsfonds und Architekt der Reformprogramme. In einem Blogeintrag für das US-Online-Magazin "Huffington Post" verteidigt Blanchard die Sparpolitik.

Vorwurf I: Das 2010 gestartete Reformprogramm hat Griechenland erst in die Verschuldung getrieben.

Nein, schreibt Blanchard. Schon bevor die Geldgeber den Griechen ein Reformprogramm auferlegten, sei das Land massiv verschuldet gewesen. 300 Milliarden Euro umfasste damals der Schuldenberg, das entsprach 130 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. Das Haushaltsdefizit lag bei 15,5 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. "Hätten wir Griechenland alleingelassen, hätte es bald gar kein Geld mehr leihen können", schreibt Blanchard. Dann hätte Griechenland seine Ausgaben (Renten, Pensionen, Löhne der Staatsdiener) noch stärker kürzen müssen als unter dem Reformprogramm. "Austerität war keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit." Die Kürzungen, die der IWF und die übrigen Geldgeber eingefordert haben, mussten groß sein, weil das ursprüngliche Defizit groß war.

Vorwurf II: Die Hilfe für Griechenland wurde genutzt, um ausländische Banken zu bezahlen.

Stimmt nicht, erwidert Blanchard. Zwar habe der griechische Staat einen Teil der Gelder nutzen müssen, um seine Staatsanleihen abzulösen, die in den Händen ausländischer Banken lagen. Doch immerhin ein Drittel der Hilfen sei verwendet worden, um griechische Gläubiger - private Anleger und Banken in Griechenland - auszuzahlen, die griechische Anleihen gezeichnet hatten.

Blanchard räumt ein, dass man die ausländischen Banken zwei Jahre zu spät in die Pflicht genommen und zum Schuldenerlass veranlasst habe. Das habe jedoch einen guten Grund gehabt: Beim Ausbruch der Krise 2010 sei die Gefahr einer Ansteckung anderer Euro-Länder zu groß gewesen. "Die Lehman-Krise war noch in frischer Erinnerung" - damit will Blanchard sagen: Hätten die ausländischen Banken schon 2010 auf ihr Geld aus Griechenland verzichten müssen, hätten sie rasch auch Anleihen aus Spanien und Portugal abgestoßen und so diese Länder tiefer in die Krise getrieben.

Weiter betont der Ökonom: "Die privaten Geldgeber waren ja nicht aus dem Schneider." Beim Schuldenschnitt 2012 mussten sie die Hälfte ihrer Forderungen (100 Milliarden Euro) abschreiben. Das hätte einem Schuldenerlass durch die Banken von 10 000 Euro pro griechischem Einwohner entsprochen.

Vorwurf III: Erst das Spar- und Reformprogramm führte Griechenland in die ökonomische Depression.

Nein, meint Blanchard. Die griechische Wirtschaft habe schon vor dem Start der Sparprogramme eine miserable Produktivität gehabt. Um Unternehmen eine Chance zu geben, sei es zwingend gewesen, bürokratische Hürden abzubauen, die Steuerverwaltung zu reformieren und Korruption zu bekämpfen.

Das Problem seien nicht die Reformen, sondern dass die griechischen Regierungen sie nicht umgesetzt hätten: "Es gab große Widerstände, Branchen und Berufe zu öffnen." Nur fünf der zwölf Maßnahmen, die der IWF vorgeschlagen habe, seien abgeschlossen worden.

Der Chefökonom räumt aber ein, dass der Einbruch stärker ausfiel als erwartet. 2011 stürzte die griechische Wirtschaft um 8,9 Prozent ab, 2012 um weitere 6,6 Prozent. Die schwere Rezession liege jedoch nur zum Teil am Sparprogramm. Sie sei vor allem der politischen Krise, unzureichenden Reformen und der anhaltenden Sorge vor einem Austritt (dem Grexit) geschuldet.

Vorwurf IV: Die Geldgeber lernen nicht aus ihren Fehlern.

Falsch, sagt Blanchard. Natürlich hätten die Geldgeber die Sparauflagen lockern können. "Wenn die Europäer bereit gewesen wären, alle Schulden zu streichen, hätte man in Griechenland kaum noch Reformen durchführen müssen." Doch einen solchen Verzicht hätten die Steuerzahler in den anderen Ländern tragen müssen. (Allein für Deutschland stehen 87 Milliarden Euro im Feuer.) Diese Belastungen hätten die anderen Euro-Staaten ihren Bürgern nicht vermitteln können, sagt der IWF-Ökonom. Das wahre Problem sei, dass die 2015 gewählte Regierung (also die von Alexis Tsipras) das Reformprogramm komplett abgelehnt habe.

Der Ausweg

Der IWF-Chefökonom sieht die Lage dennoch nicht hoffnungslos. Zwar könne der Währungsfonds Athen vorerst nicht mehr helfen, da die Regierung am 30. Juni die fällige Rate von 1,6 Milliarden Euro nicht beglichen habe. Doch wenn sich das Land auf die Reformen einlasse, die die Geldgeber vor dem Referendum gefordert haben, gebe es auch Chancen für ein neues Hilfsprogramm. Der Euro-Austritt jedenfalls wäre die schlechteste Lösung: "Ein Grexit wäre extrem teuer für Griechenland und seine Geldgeber." Zumal es eine lange Zeit dauern würde, bis eine neue, abgewertete Währung Griechenland den Aufschwung bringen könnte, warnt der IWF-Chefökonom alle Heißsporne wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, die im Grexit die Lösung sehen.

Quelle: RP
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