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Was wir aus dem Brexit lernen sollten
Selber Schuld!

Was wir aus dem Brexit lernen sollten: Selber Schuld!
Ein Passant blickt mit einem Regenschirm mit britischer Flagge auf den Big Ben in London. FOTO: afp, os
Meinung | Düsseldorf. Wer die Schuld am Brexit auf die vermeintlichen "Eliten in Brüssel" schiebt, macht es sich zu einfach. Die Europäische Union sind wir selbst. Nach dem Austritt der Briten müssen wir endlich anfangen, uns für Frieden und Demokratie zu engagieren. Von Henning Rasche

Jetzt ist der Suff vorbei. Am Freitag, 24. Juni 2016, ist ein ganzer Kontinent mit einem heftigen Kater aufgewacht. Das britische Volk hat gewählt – und sich gegen eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union entschieden. Keine halbe Stunde später, der erste Kaffee ist noch nicht gekocht, liegen die Gründe für die Katastrophe auf dem Tisch. Beobachter aus aller Welt erklären in Sondersendungen den bunten Strauß an Brüsseler Verfehlungen. Tenor: Schuld ist das "Europa der Eliten". Und es sind die Alten, die durch ihr mehrheitliches "Brexit"-Votum den Jungen die Zukunft verbauen.

Es ist noch nicht lange her, da war Boris Johnson einfach der Bürgermeister irgendeiner Weltmetropole, die zufällig London hieß. Er trug seine zerknitterten Anzüge, seinen Rucksack, der seinen bulligen Körper stets ideal ergänzte, seine honiggelbe Sturmfrisur und fuhr Fahrrad. Johnson, der Freak, Lord Mayor of London. Er kam immer ein bisschen wahnsinnig rüber. Aber irgendwie auch ganz nett. Wie dieser Onkel, der immer schon angetrunken zur Familienfeier kommt und die Witze reißt, die sich alle anderen verkneifen. Der Wahnsinn ist so lange sympathisch bis er weh tut.  

Nik Eberts Karikaturen zum Brexit FOTO: RP/Nik Ebert

Der Onkel hat aufgehört, doofe Witze zu reißen. Er meint das plötzlich alles furchtbar ernst. Er spricht davon, dass Großbritannien sich befreien müsse. Von den Greifarmen der Europäischen Union, die die Inseln des Vereinigten Königreichs immer fester zu umklammern drohten. Von den vielen Schulden, die sein Land für die EU mache. Von all den entsetzlichen Regelungen, die die EU seinem Land aufoktroyiere. Von verbotenen Glühbirnen und genormten Gurken.

Wir haben es versäumt, uns zu interessieren

Jetzt heißt es mal wieder: Die Brüsseler Politiker erklären ihr Handeln zu wenig. Sie fokussieren sich auf elitäre Kreise, auf Lobbyisten und Banken und haben längst die einfachen Bürger aus dem Blick verloren. Sie beschäftigen sich lieber mit absurden Verordnungen, die zum primären Ziel haben, den kleinen Mann zu gängeln und zu drangsalieren. Boris Johnson, der wahnsinnige Radfahrer, hatte im Brexit-Wahlkampf gewarnt, dass die EU als nächstes ein Wasserkocher-Verbot plane. Das stimmte zwar nicht, aber er brauchte einen Skandal.

Die Kritik mag einen wahren Kern haben. Die EU ist sicherlich kein perfektes Gebilde, sie ist wackelig und schief. Aber wie könnte eine Institution, die Interessen von 28 Einzelstaaten zu bündeln versucht, nicht wackelig sein? Nicht schief? Demokratie ist furchtbar anstrengend. Sie ist der permanente Ausgleich von Wünschen, Ansichten und Belangen. Wer jemals versucht hat, sich mit einer Gruppe von fünf, sechs Personen zum Grillen zu verabreden, weiß um die Schwierigkeit. Und wer sich jetzt vorstellt, er müsse sich mit 28 Personen über Steaks, Bier und Wurst verständigen, der kann noch immer nicht recht erahnen, was die EU da täglich probiert.

Brexit: Bestürzung und Jubel nach dem Votum FOTO: dpa

Wenn es so etwas wie eine "Brüsseler Elite" gibt, dann haben wir sie selbst geschaffen. Wir alle sind die Europäische Union und haben es versäumt, uns zu interessieren. Wir hätten kämpfen können, für Demokratie, für diese unglaubliche Idee einer Friedensgemeinschaft. Aber wir haben vor dem Fernseher gesessen, Fußball geguckt, und uns bei "Lieferando" oder "Foodora" Fast Food bestellt. Wenn niemand hingeht, sich niemand einmischt, dann wird die Gruppe der Pro-Europäer zwangsläufig klein. Was da herauskommt, ist die so genannte Elite.

Die EU ist keine Fertigpizza, Demokratie kein Lieferservice

Es ist sehr einfach, den Finger zu heben und Fehlstände zu beklagen. Juncker zu alt, Schulz zu plump, Tusk zu egal. Aber warum haben wir keine besseren Figuren gewählt? Weil die Auswahl zu klein war? Nun, Demokratien bietet eine Vielzahl an Chancen, die Auswahl zu vergrößern. Die EU ist keine Fertigpizza und Demokratie kein Lieferservice.

Die jungen Briten haben mehrheitlich dafür abgestimmt, in der EU zu bleiben. Entscheidend aber, weil in der Überzahl, war das Votum der Alten. Doch wer jetzt eine Gerontokratie, eine Diktatur der Alten heraufbeschwört, der übersieht: Die Jungen enthalten sich mehrheitlich dem politischen Betrieb. Ihnen sind Parteien zu uncool, zu lahm. Sitzungen in der Dorfkneipe versprühen auf sie den Charme einer Kaffeefahrt. Aber das ist kein hinreichendes Argument, um sich herauszuhalten.

Brexit - Reaktionen in Bildern FOTO: dpa

Seit Jahrzehnten brechen die Mitgliederzahlen der Parteien ein, das Alter des Durchschnittsmitglieds steigt immer weiter an. Wir bejammern das, beklagen das, aber wir tun nichts. Wenn sich die jungen Briten nun beschweren, dass die Alten ihnen den Brexit diktieren, dann sollte das Mahnung genug sein, sich nicht mehr zu verstecken. Wir müssen auf die Straße gehen, ja. Aber viel mehr müssen wir in die Parteien gehen, unsere Interessen bündeln und organisieren, uns Gehör verschaffen in den demokratischen Einrichtungen. Dafür sind Parteien nämlich da.

Wer auch immer sich jung fühlt, der kennt nichts anderes als die Europäische Union. Für den ist die Existenz von Frieden, Wohlstand und Reisefreiheit eine Selbstverständlichkeit. Jetzt erleben wir, dass es genau das nicht ist – obwohl wir es längst besser hätten wissen müssen. Wir haben uns daran gewöhnt, Politik zu konsumieren. Wir erwarten hübsche Häppchen an Erklärungen, die uns das Denken abnehmen. Einen Lieferservice für politische Haltung.

Es ist an der Zeit, sich zu politisieren. Engagiert euch, interessiert euch, mischt mit, diskutiert, geht wählen, kämpft für eure Ideen, tretet in Parteien ein! Freitag, der 24. Juni 2016, 8.01 Uhr, muss der auslösende Moment dafür sein.

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