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Stimmung nach dem Brexit
Die Ohnmacht der Jungen

Stimmung nach dem Brexit: Die Ohnmacht der Jungen
FOTO: dpa
Düsseldorf/London. Viele junge Briten fühlen sich um ihre Zukunft betrogen. Sie fürchten, der EU-Austritt verschlechtert vor allem ihre Lebenssituation. Tragisch ist, dass viele von ihnen nicht abgestimmt haben.  Von Franziska Hein

Schon am ersten Tag nach der Abstimmung geisterte eine Tabelle durch die sozialen Netzwerke. Sie zeigte das Abstimmungsverhältnis unterteilt in Altersgruppen. Die 18- bis 24-Jährigen im Vereinigten Königreich haben zu annähernd drei Vierteln für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Die Über-65-Jährigen stimmten in der Mehrheit gegen den Verbleib in der EU. 

Wahr ist aber auch, dass nicht genügend junge Leute gewählt haben, um die Älteren zu überstimmen. In den Gebieten mit besonders hohem Anteil der jüngeren Bevölkerung war die Wahlbeteiligung von knapp 72 Prozent unterdurchschnittlich. Das zeigt eine Karte, die BBC.com veröffentlichte. 

Katherine M. (27) macht schreibt ihre Doktorarbeit an der Soas in London. FOTO: Facebook

Das weiß auch Katherine. Die 27-jährige Britin promoviert gerade an der School of Oriental and African Studies (Soas) in London. Ihre Doktorarbeit schreibt sie im Fachbereich "Internationales Management". Vorher hat Katherine an der London School of Economics einen Master gemacht. 

Nicht genug junge Briten haben gewählt

Sie weiß, dass ihre Altersgenossen nicht zahlreich genug zur Abstimmung gegangen sind. Das liege daran, dass viele davon überzeugt waren, dass das Pro-EU-Lager auch so stark genug sei. "Wir dachten nicht, dass das herauskommt", sagt sie am Telefon im Gespräch mit unserer Redaktion.

Sie erzählt, was sie am Tag vor dem Referendum erlebt hat: 

"Als ich meine Wohnung verlassen habe, habe ich einen Mann im Bus reden gehört. Früher haben Menschen ab 60 eine kostenlose Dauerkarte für den öffentlichen Nahverkehr bekommen. Der Mann beschwerte sich, dass Cameron das Alter von 60 auf 62 erhöht hat. Das ist doch absurd, deswegen für den Austritt zu stimmen." 

Nachteile für die britischen Hochschulen

Natürlich weiß Katherine, dass es viele komplexe Gründe gibt, warum das "Leave"-Lager am Ende im Vorteil war. Aber sie befürchtet nun erhebliche Nachteile für ihre Generation, vor allem für die britischen Hochschulen. Die Universitäten profitierten am meisten vom europäischen Austausch – und von den europäischen Fördergeldern für Forschungsprojekte. Die würden in Zukunft ausbleiben, wenn Großbritannien die EU verlässt, fürchtet sie. 

Und auch für die ausländischen Studenten hätte ein Austritt wohl Auswirkungen. Derzeit müssen Studenten aus dem europäischen Ausland an den meisten Universitäten dieselben Gebühren bezahlen wie ein Brite. Als Folge des EU-Austritts könnte die britische Regierung den Status der EU-Studenten verändern, so dass sie die höheren Gebühren für Ausländer zahlen müssen. 

Cassi Hamilton (26) arbeitet als freie Violinistin für die Londoner Philharmoniker. FOTO: Facebook

Müssen die Briten auf europäische Kulturförderung verzichten? 

Ähnlich wie Katherine macht sich auch Cassi Hamilton Sorgen. Sie gehört zu drei Gruppen, die mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt haben: Sie ist unter 30, lebt in London und ist Künstlerin. Die 26-Jährige arbeitet als freischaffende Violinistin und spielt unter anderem für das London Philharmonic Orchestra. Sie fürchtet, dass in Folge des EU-Austritts die Freizügigkeit und die europäische Kulturförderung abgeschafft werden. Die Freizügigkeit sei für sie besonders wichtig, weil sie als freischaffende Künstlerin sich auch auf Jobs auf dem EU-Festland bewerbe. 

Sie befürchtet, dass in Zukunft ganze Orchester Visa und Arbeitserlaubnisse brauchen, um auf dem Kontinent auf Tour zu gehen. Umgekehrt sei es vermutlich auch nicht mehr so einfach für ausländische Künstler, nach Großbritannien zu kommen. Von diesem Austausch profitiere die Kunstszene besonders. "Meine Musiker-Freunde sind alle traurig und wütend über den Ausgang", sagt Cassi. 

Eine Wende ist unwahrscheinlich 

Beide jungen Frauen denken nicht, dass das britische Parlament oder sogar die Regierung die Entscheidung für den Brexit zurücknehmen. Sie beobachten, dass sich Widerstand unter den jungen Leuten regt. In London finden Kundgebungen, Protestmärsche und Demonstrationen statt, in denen die Brexit-Gegner ihre Unzufriedenheit zeigen.

Schließlich sei das Ergebnis kein klarer Sieg für das "Leave"-Lager. Es sei vielmehr eine Patt-Situation. "Das ist keine demokratische Entscheidung", sagt Katherine. "Den Menschen wurde nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt. Das ist keine Demokratie, wenn es eine 50-50-Teilung ist."

Auch Cassi findet, dass die Regierung nicht einfach die andere Seite ignorieren kann. Die gesellschaftlichen Unterschiede seien durch das Referendum noch größer geworden und nun sei es noch schwieriger, die politische Einigkeit zu wahren. "Wir leben in Unsicherheit und das nicht nur für die kommenden zwei Jahre." 

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