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Toter Junge am Strand von Bodrum
Das Bild, das Europa das Herz bricht

Toter Flüchtlingsjunge am Strand: Das Bild, das Europa das Herz bricht
Ein junger türkischer Polizist trägt den toten Jungen vom Strand weg. FOTO: Nilüfer Demir/Dogan News Agency/AFP
Meinung | Bodrum. Mehr als 2000 Menschen sind seit Anfang des Jahres bei dem Versuch ums Leben gekommen, übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Dieser kleine Junge war einer von ihnen. Er hieß Aylan und war knapp drei Jahre alt. Aylan hat die Flucht aus seiner Heimat, dem Bürgerkriegsland Syrien, nicht überlebt. Von Judith Conrady

Die Fotos des toten Kindes berühren Menschen weltweit. Auch, weil sein Schicksal stellvertretend für das vieler anderer Kinder steht.

Die Aufnahmen entstanden am Mittwoch an einem türkischen Strand. Die Fotografin Nilüfer Demir war vor Ort, als sich in der Nähe des Badeorts Bodrum ein neuer Akt der Flüchtlingskatastrophe abspielte. Wie Rettungskräfte der Nachrichtenagentur AFP berichteten, ist Aylan einer von vermutlich elf Flüchtlingen, die an diesem Tag bei Bodrum ertranken. Mit zwei Booten waren die Syrer offenbar auf dem Weg zu einer griechischen Insel.

Nilüfer Demirs Bilder gingen innerhalb kürzester Zeit um die Welt, wurden tausendfach bei Twitter geteilt. Sie bewegen Menschen überall zutiefst.

Von Tag zu Tag ist das Leid der Flüchtlinge in Mitteleuropa präsenter. Familien mit kleinen Kindern, die sich auf dem Standstreifen von bayerischen Autobahnen Schritt für Schritt weiter in ein Leben in Sicherheit vorankämpfen, unbeindruckt von Autos und Lastwagen, die gefährlich nah an ihnen vorbeirauschen. Es sind Menschen, die so viel erlebt haben, dass Gefahr für sie relativ geworden ist. Nie war uns das Leid der Flüchtlinge räumlich näher.

Da ist fast ein wenig in den Hintergrund gerückt, was sich etwas weiter entfernt von Deutschland auf dem Mittelmeer abspielt. Seit Jahren sterben Menschen auf ihrer Flucht. Das Bild des toten Jungen ist zum Symbol für eine Tragödie geworden, von der wir alle schon lange wissen.

Eine Lösung für dieses Problem, diese Katastrophe, gibt es bisher nicht.

Auch Aylan, der im Mittelmeer vor der türkischen Küste starb, war von Syrien aus auf dem Weg in ein sichereres Leben. Viel weiß man nicht über den Jungen. Seine Familie war vergangenes Jahr aus der syrischen Stadt Kobane vor der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in die Türkei geflohen. Unter den Toten ist auch sein Bruder Galip, berichten türkische Medien.

Weil Europa nichts tut, um Leid und Tod zu verhindern, gibt es Fotos wie diese. Nicht jeder wird die Bilder des toten Kindes sehen wollen. Wir haben uns entschieden, unseren Lesern diese Aufnahmen zu zeigen.

FOTO: Nilüfer Demir/Dogan News Agency/AP

Ein junger türkischer Polizist war es, der Aylans Leiche aufhob und das tote Kind vom Strand wegtrug. Auf den Fotos ist zu sehen, wie er seinen Blick von der Leiche des Kindes abwendet, als könne er das Grauen nicht ertragen. Jeder kann diesen Mann verstehen. Hinschauen tut weh.

Doch Europa darf seinen Blick nicht mehr abwenden.

Weitere Informationen zur Situation der Flüchtlinge in unserem Dossier.

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