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Kriege und Hunger
Jeden Tag fliehen 42.500 Menschen aus ihrer Heimat

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht
Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI
Düsseldorf. Fast 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Fast alle wollen nach Europa. Nicht immer ist es die Furcht um Leib und Leben, die die Menschen antreibt ihre Heimat zu verlassen. Von Helmut Michelis

Die karg möblierte Wohnung in einem Hochhaus im Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut ist mit einem großen Holzkreuz geschmückt. Hier wartet eine fünfköpfige syrische Familie, der Vater (54) ist Bauingenieur, die Mutter (49) Englischlehrerin, inzwischen seit vielen Monaten immer verzweifelter auf eine Ausreisemöglichkeit. Zurück nach Syrien können sie nicht mehr: Die Pässe der drei Söhne (19, 23 und 26) wurden nicht mehr verlängert, weil sie der Einberufung des Assad-Regimes zum Wehrdienst nicht folgen wollten – fünf Menschen stellvertretend für inzwischen fast 60 Millionen, die irgendwo auf der Welt auf der Flucht sind.

Dabei geht es der syrischen Familie aus der Hafenstadt Latakia noch vergleichsweise gut, obwohl der Libanon, der selbst nur rund vier Millionen Einwohner hat, mehr als 1,3 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat und aus den Fugen gerät: Eine christliche Gemeinde in Beirut unterstützt die Familie; dazu bieten Gelegenheitsarbeiten die Chance, etwas Geld zum Leben dazu zu verdienen.

Flüchtlingsansturm in Mazedonien FOTO: ap

Afrikaner haben dagegen oft nur ihre Kleider am Leib, wenn sie fliehen müssen - zum Beispiel die mehr als 1,5 Millionen Südsudanesen, die wegen blutiger Machtkämpfe rivalisierender Gruppen ihre Heimatorte verließen.

Jeden Tag begeben sich im Schnitt weltweit rund 42.500 Menschen auf die Suche nach Frieden und Sicherheit, jeder zweite ist ein Kind, berichtet UNHCR, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen. Im vergangenen Jahr seien fast 14 Millionen Menschen neu zu Flüchtlingen geworden – viermal so viel wie noch 2010. Ursachen der Massenflucht sind Kriege, Hunger, Armut, Überbevölkerung (28 afrikanische Länder werden ihre Einwohnerzahl in den kommenden 35 Jahren verdoppeln), Klimawandel, Wassermangel und andere Naturkatastrophen, wobei die meisten Probleme von Menschen verursacht werden und eng zusammenhängen. So legen die Bürger- und Glaubenskriege die ohnehin meist schwache Wirtschaft der betroffenen Länder lahm und verhindern das Einbringen der Ernten – weitere Verarmung und Hungerkatastrophen sind die Folgen.

Brennpunkte: Die Flüchtlingsbrennpunkte Europas FOTO: dpa, kc jak

Der zunächst bejubelte Freiheitskampf des "Arabischen Frühlings" hat weitere Staaten wie Libyen destabilisiert. Die Experten streiten, ob es weltweit tatsächlich immer mehr Kriege gibt. Unumstritten ist aber, dass die Krisen geografisch immer näher an Deutschland heranrücken und die Fluchtrouten aus Afrika über das westliche Mittelmeer und aus dem Irak, Syrien und Afghanistan entlang des östlichen Mittelmeers direkt nach Europa zielen.

Noch längst gehören westeuropäische Länder indes nicht zu den größten Aufnahme-Staaten – das sind bislang die Türkei mit 1,6 Millionen und Pakistan mit 1,5 Millionen Flüchtlingen. Kleinere Länder wie Jordanien drohen unter dem Flüchtlingsandrang zu kollabieren.

Islamistische Terrorgruppen haben in den letzten Jahren das Flüchtlingsproblem massiv verschärft; inzwischen ist auch der Jemen in Gewalt versunken. Wie etliche andere Konflikte ist es ein Stellvertreter-Krieg: Der Iran und Saudi-Arabien mischen im Jemen mit.

Unterdessen hat in Afghanistan nach dem Abzug der Nato-Kampftruppen die Terrormiliz "Islamischer Staat" einen Machtkampf mit der Taliban-Bewegung begonnen. Die Lage ist zunehmend undurchschaubar: Neben den Islamisten kämpfen legale und illegale Milizen, örtliche Machthaber und Drogenbarone gegen die Zentralregierung.

Die riesigen Flüchtlingsströme machen den Zerfall der internationalen Ordnung sichtbar. Westliche Regierungen finden bislang keinen Weg, die Ursachen und die Folgen zu bekämpfen. "Es ist erschreckend zu beobachten, dass jene straflos bleiben, die Konflikte auslösen", stellt der UN-Flüchtlingskommissar António Guterres resigniert fest. "Gleichzeitig scheint die internationale Gemeinschaft unfähig zur Zusammenarbeit, um Kriege zu beenden und den Frieden zu sichern."

Quelle: RP
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