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Giannis Varoufakis
Verräter, Held oder gescheiterter Kommunist?

Porträt: Varoufakis – Medienexperte und Ex-Finanzminister
Porträt: Varoufakis – Medienexperte und Ex-Finanzminister FOTO: dpa, el ase
Düsseldorf. Griechenlands Ex-Finanzminister Giannis Varoufakis steht unter dem Verdacht des Hochverrats. Die öffentliche Wahrnehmung steht in diametralem Gegensatz zu dem Bild, das der Mann in seinem neuesten Buch von sich selbst zeichnet. Von Georg Winters

Giannis Varoufakis musste die politische Bühne verlassen, weil er als Athens Finanzminister seinen europäischen Amtskollegen nach permanenten Provokationen nicht mehr zumutbar erschien als Gesprächspartner auf dem Weg zur Rettung Griechenlands. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit ist ihm weiterhin gewiss. Der Mann hat in fünf Monaten Amtszeit mehr Aufregung produziert als alle seine Vorgänger zusammen, und das hat sich nach seinem erzwungenen Abschied nicht verändert.

Jetzt ist er gar des Hochverrats verdächtig. Varoufakis soll nach Angaben der Zeitung "Kathimerini" den Ausbau eines parallelen Zahlungssystems für Griechenland geplant haben. Dieses hätte beim Austritt aus der Eurozone in Kraft treten und die Grundlage für die Wiedereinführung der Drachme werden sollen. Varoufakis wollte angeblich mit Hilfe eines befreundeten IT-Experten das Steuersystem knacken und sich beim Aufbau der neuen Drachme-Welt der Kontrolle der ihm verhassten Troika entziehen. Hackerangriff, Datenklau, Währungsputsch, kriminelle Vereinigung - das alles gehört zum Wortschatz der Staatsanwälte, die sich mit der Causa Varoufakis befassen.

Das A und O der Griechen-Krise

Teile dieser Pläne, die einem Wirtschaftskrimi entlehnt sein könnten, hat Varoufakis indes selbst öffentlich gemacht. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine vermeintlich leichtfertige Preisgabe solch brisanter Infos Teil seiner Selbstinszenierung sind. Varoufakis geriert sich immer noch als Held, der Griechenland vor Wolfgang Schäuble und anderen bösen Europäern retten wollte, und dafür wird er von manchem noch unerschütterlich an die griechische Linke glaubenden Landsmann weiterhin bejubelt. Er gibt Interviews en masse; wie ein König hält er Hof und empfängt Journalisten wie Kollegen des "Stern" und des "Zeit Magazin" im Hotel oder in seiner Wohnung, er erzählt nachts und früh morgens, im Restaurant oder beim Kaffee, im Dialog oder in Anwesenheit seiner Frau Danae, vermittelt seine Sicht der Dinge, die einzig wahre - für ihn.

Tatsächlich ist Varoufakis tief gefallen. Er war der umjubelte Wahlsieger des Jahres 2014, er wurde gefeiert wie ein Rockstar, aber jetzt ist er kaum mehr als ein gescheiterter Rebell, der die Gelegenheit sucht, Gehör zu finden. Varoufakis giert nach öffentlicher Anteilnahme, und dazu passt sein neuestes Buch "Time of Change". "Zeit des Wandels" heißt das auf Deutsch. Offiziell ist es der Versuch, seiner in Australien lebenden Tochter die Wirtschaft zu erklären. Doch Varoufakis entlarvt sich beim Lesen schnell. Er will gar nicht den Erklärbär geben, er schreibt stattdessen seine Abrechnung mit dem Kapitalismus, er geißelt die Ungleichheit, es geht um Ausbeuter und Ausgebeutete, und vergeblich wartet man darauf, dass Varoufakis wenigstens einmal konstatiert, dass unter den Menschen auch ein großer Teil ist, dessen Existenz durch die Marktwirtschaft materiell lebenswerter geworden ist.

Für einen gebildeten Ökonomen, und das ist Varoufakis zweifelsohne, ist das eine erstaunlich einseitige Darstellung. Der Autor verteidigt seine Ideologie vom Klassenkampf so vehement und rigoros, dass gar kein Raum mehr bleibt für eine durchaus sinnvolle Diskussion darüber, welche ökonomischen Folgen zu rigide Spardiktate für eine Volkswirtschaft haben können, und dass tatsächlich kein Weg an einem Schuldenschnitt vorbeiführt. Varoufakis ist gescheitert - in der Marktwirtschaft, deren Gesetze er nicht akzeptiert, und als Alt-Kommunist, weil sein Beispiel zeigt, dass für ungefilterte Kapitalismus-Kritik kein Platz in der Realpolitik ist.

Hintergrund: Das griechische Schuldendrama von A bis Z

Das Schlimmste aber bleiben seine verbalen Aussetzer. Im "Stern" hat er wieder Beispiele geliefert. "Griechenland hängt am Galgen, aber sie feiern den größten Angriff auf die europäische Demokratie seit Ende des Zweiten Weltkriegs", wird er mit Blick auf die Einigung über neue Kreditverhandlungen zitiert. Griechenland sei zum "Vasallenstaat" geworden. Woanders vergleicht er die Politik der Troika mit den Foltermethoden des CIA, er spricht von Verbrechen und Lügen in Europa. Aber er erwähnt nie, dass zu den Spielregeln einer liberalen Demokratie auch die Einhaltung von Verträgen gehört - auch wenn diese nicht von den amtierenden Machthabern, sondern von deren Vorgängern geschlossen wurden.

Es bleibt die Hoffnung auf Einsicht - vielleicht in einigen Jahren, wenn es den Griechen tatsächlich besser gehen sollte. Vielleicht fährt Varoufakis dann durch seine Heimat und sieht Zeichen des Aufschwungs. Vielleicht erlebt er den aber auch als Häftling, weil ihm der Prozess gemacht und er verurteilt worden ist. Das Verfahren könne sich hinziehen, erst müsse über einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss und über die Aufhebung seiner Immunität entschieden werden, heißt es aus Athen. Varoufakis bleibt der Öffentlichkeit erhalten. Schön für einen Narziss.

Weitere Informationen zur Schuldenkrise in unserem Dossier.

Quelle: RP
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