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Analyse
Europa bedeutet Weitsicht

Gastbeitrag Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, über die Folgen des Brexit

Am vergangenen Donnerstag haben die Bürger des Vereinigten Königreiches entschieden, die Europäische Union zu verlassen. Die Auseinandersetzung im Abstimmungskampf war sowohl im Stil als auch inhaltlich unangemessen. In den emotionalisierten Diskussionen wurde ein zur Fratze verzerrtes Europa gezeichnet. Aber das entspricht nicht dem wahren Bild der EU. In den Diskussionen war immer nur von Ängsten die Rede: vor Zuwanderung auf der einen, vor wirtschaftlichem Abstieg und Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite. Eine positive Vision eines gemeinsamen Europa wurde auch von den Verbleib-Befürwortern nicht geboten. Europa musste in der Debatte als Sündenbock für alles hinhalten, auch für das eigene Versagen. Da war es nur folgerichtig, dass dieser Sündenbock herausgetrieben wurde. Aber die Probleme bleiben in Großbritannien, bei weitem nicht nur die ökonomischen.

Es gibt in der EU einen großen Reformbedarf, aktuell etwa in der Frage des Zustroms und der Integration von Migranten. Doch das eigentliche Problem Europas ist viel grundsätzlicher: Wofür steht Europa? Was sind wir bereit, nach Europa hineinzugeben? Wie teuer und wertvoll ist uns Europa? Papst Franziskus hat anlässlich der Verleihung des Karlspreises am 6. Mai die Notwendigkeit unterstrichen, mit der Einigung voranzuschreiten: "Die Pläne der Gründerväter, jener Herolde des Friedens und Propheten der Zukunft, sind nicht überholt: Heute mehr denn je regen sie an, Brücken zu bauen und Mauern einzureißen. Sie scheinen einen eindringlichen Aufruf auszusprechen, sich nicht mit kosmetischen Überarbeitungen oder gewundenen Kompromissen zur Verbesserung mancher Verträge zufriedenzugeben, sondern mutig neue, tief verwurzelte Fundamente zu legen." Auch die Kirche trägt Verantwortung, einen Beitrag zu dieser Diskussion zu leisten. In der Apostelgeschichte wird geschildert, wie der christliche Glaube Europa betreten hat. Dort wird Paulus aufgefordert: "Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!" Von diesem Hilferuf sind wir Christen, die 76 Prozent der europäischen Bevölkerung stellen, auch heute herausgefordert. Europa ist gerade für unseren Glauben und unsere Werte eine Herausforderung und Verantwortung. Wer sich aus Europa verabschiedet, überlässt es anderen geistigen Strömungen.

In meinem Erzbistum Berlin, das an Polen grenzt, spüre ich die Verantwortung für den Auf- und Ausbau solider Beziehungen mit unseren Nachbarn. Auch innerhalb des Bistums haben über zwei Prozent der Katholiken eine andere Muttersprache als Deutsch. Die allermeisten von ihnen kommen aus europäischen Ländern. Wir merken, dass Europa bereits viel mehr verflochten ist, als wir glauben.

Trotzdem plagen viele Menschen die Sorge um den Verlust von Heimat und der eigenen Identität sowie die Angst vor kultureller Überfremdung. In vielen europäischen Staaten versuchen Populisten, Kapital aus dieser Situation zu schlagen. Deshalb müssen die Sorgen politisch aufgegriffen werden. Denn tatsächlich verhält es sich ganz anders: Heimat wächst, je mehr ich Heimat teile. Alles Große wächst im Teilen, nicht im Abgrenzen und Abschotten. Deshalb offenbart die Europakrise ein schwaches Geschichtsbewusstsein. Wir haben die Möglichkeit, große Geschichte mitzugestalten, Visionen schrittweise Wirklichkeit werden zu lassen.

Der Begriff "Europa" stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich zusammen aus "eurs", das bedeutet "weit", und "óps", das meint "Sicht". Europa, die Frau auf dem Stier, war also eine Frau mit Weitsicht. Auch in der aktuellen Situation sollte nicht ein kurzer und verengter Blick unsere politischen Überlegungen prägen. Europa bedeutet Weitsicht.

Quelle: RP
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