Prozess gegen mutmaßlichen NS-Verbrecher Julius Viel: Ex-SS-Mann Viel attackiert Justiz
zuletzt aktualisiert: 04.12.2000 - 17:46.Ravensburg (dpa). Wütend über die «bodenlose Unverschämtheit» der Vorwürfe hat der 82-jährige Ex-SS-Offizier Julius Viel am Montag vor dem Landgericht Ravensburg auf die gegen ihn erhobene Mordanklage reagiert.
Am ersten Tag des Prozesses, wahrscheinlich eines der letzten Verfahren wegen Nazi-Verbrechen, bestritt Viel die ihm zur Last gelegte Erschießung von sieben wehrlosen jüdischen Zwangsarbeitern kurz vor Kriegsende in der Kleinstadt Leitmeritz (heute Tschechien). 55 Jahre nach der Tat berief er sich zudem darauf, dass er nicht mehr alle Einzelheiten im Kopf haben könne.
In dem Prozess geht es um die Ermordung von sieben jüdischen Häftlingen, die im März und April 1945 zusammen mit Hunderten anderer Zwangsarbeiter aus dem nahen Theresienstadt Panzergräben gegen die anrückende Rote Armee ausheben mussten. Dabei soll Viel als einer der Bewacher aus reiner «Mordlust» - so die Anklage - die sieben Männer nacheinander erschossen haben.
Die Attacke des Rentners aus Wangen/Allgäu am ersten Prozesstag richtete sich vor allem gegen den Hauptbelastungszeugen Adalbert Lallier, den er überhaupt nicht kennen will. Der hatte nach eigener Darstellung als Untergebener Viels die Mordtat beobachtet und rund ein halbes Jahrhundert später in Kanada seine Sicht der Dinge zu Protokoll gegeben. «Er hat sich freigekauft auf meine Kosten», kommentierte der Angeklagte, der nach dem Krieg viele Jahre als Journalist tätig war und in der 60er Jahren ein erstes Ermittlungsverfahren schadlos überstand.
Der weißhaarige und in straffer Haltung auftretende Viel zeigte bei der Befragung zur Person unterschwelligen Stolz. Als 18-Jähriger war er zur Waffen-SS gegangen, war in Österreich und ins Sudetenland einmarschiert, hatte an den Feldzügen in Polen, Frankreich und Russland teilgenommen. «Die SS-Division Das Reich war meine soldatische Heimat.» Ein Bauchschuss und seine Folgen verschlugen ihn nach mancherlei Kommandierungen nach Leitmeritz, wo der 27-Jährige SS-Leutnant als Ausbilder an einer SS-Funkerschule tätig wurde.
Hier erfuhr er im März, so sagt er, erstmals von den Arbeiten an einer großen Panzersperre. Er holte Häftlinge ab, ohne zu wissen woher. «Da war nur ein Gebäude und ein Tor», schilderte er. Er brachte mit rund hundert anderen SS-Leuten 300 bis 400 Zwangsarbeiter zu der Baustelle, wo er dann noch zwei bis drei Mal einen Abschnitt überwachte, ehe er Ende März 1945 erneut versetzt worden sei.
Von Grausamkeiten, Misshandlungen und brutalen Quälereien der Zwangsarbeiter will er nie etwas bemerkt haben, «sonst wäre ich eingeschritten». Zwei Todesfälle - «sie wurden entweder erschossen oder erschlagen» - bekam er mit und meldete sie seinem Vorgesetzten. «Sie sahen mir nicht schwächlich aus», schilderte Viel den Zustand der drangsalierten und schuftenden Häftlinge. Kann er sieben dieser Männer hintereinander erschossen haben? Auf jeden Fall nein, so Viel, und zudem: «Wir alle hatten nur fünfschüssige Karabiner.»
Das will sagen: Höchstens fünf Erschießungen aus einem Gewehr wären möglich gewesen, und daher lüge Lallier, mit dem er am Mittwoch kommender Woche in Ravensburg konfrontiert werden soll. Vielen Detailfragen ist Viel am Montag ausgewichen: «Wenn ich gewusst hätte, dass ich im Jahre 2000 dazu befragt würde, hätte ich mir alles aufgeschrieben.» Eines aber weiß wer genau: Er hat erst nach Kriegsende erfahren, dass es in dem nahe Leitmeritz gelegenen Theresienstadt ein Getto oder ein KZ gab.
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