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Berlin
Experte: Deutschland weniger bedroht

Berlin. Terrorexperte Guido Steinberg sieht soziale Unterschiede zu Frankreich. Von Jan Drebes

Woran liegt es, dass sich die Zahl der Anschläge in Frankreich häuft, während Deutschland davon noch verschont blieb? Der Terrorismusforscher Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik führt das darauf zurück, dass es in Deutschland weniger Islamisten gebe, die zu Anschlägen bereit seien. "Deutschland ist, das zeigen die Ereignisse der letzten Monate, etwas weniger bedroht, und das liegt vor allem daran, dass es in Deutschland weniger entschlossene Dschihadisten gibt", sagte Steinberg dem Deutschlandfunk.

Zudem sind nach seinen Angaben insgesamt rund 1700 Franzosen nach Syrien ausgereist, um für den IS zu kämpfen. Aus Deutschland kamen mit etwa 800 deutlich weniger. Denn die gesellschaftlichen Unterschiede sind deutlich: In Deutschland haben Muslime einen Anteil von 3,7 Prozent an der Bevölkerung, in Frankreich sind es fast zehn Prozent. Außerdem haben dort historisch bedingt mehr Staatsbürger nordafrikanische Wurzeln, während die deutsche Gesellschaft eher von Migranten etwa aus der Türkei geprägt ist. Für Steinberg ist das entscheidend für die Beurteilung der Sicherheitslage. "Wir sehen ja: Das dynamischste Element im europäischen Terrorismus der letzten Monate, das sind Nordafrikaner." Diese Terrorgefahr habe etwas mit dem Islam zu tun, wenn auch "nicht notwendigerweise mit den 4,3 Millionen Muslimen hierzulande oder mit den vielen Muslimen in Europa, die ja absolut friedlich sind", so Steinberg. Maßgeblich für Terror sei eine spezielle Islam-Interpretation.

Aus Sicht der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), leisten Deutschland und Frankreich aber auch unterschiedliche Integrationsarbeit. "Ich glaube, wir diskutieren in Deutschland intensiver über Integrationspolitik und den Islam", sagte sie unserer Redaktion. Das sei anstrengend, führe aber dazu, dass wir trotz aller Debatten entspannter mit Religionen umgingen. Die strikte Trennung von Staat und Kirche in Frankreich habe hingegen dazu geführt, dass Religion dort fast komplett aus dem öffentlichen Leben verbannt sei. "Das erschwert und erstickt die Auseinandersetzung, der Laizismus übertüncht quasi alle Konflikte", sagte Özoguz. Ohne Verständnis für Terroristen zeigen zu wollen, fügte sie hinzu: "Viele Muslime in Frankreich verstehen den rigorosen Laizismus als Angriff auf sie selbst und ihre Religion." Und wenn dann die Gleichheit immer wieder beschworen werde, Jugendliche mit nordafrikanischen Wurzeln auf dem Arbeitsmarkt aber diskriminiert würden, frustriere das umso mehr, sagte Özoguz.

Quelle: RP
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