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Gemeinden "paralysierrt": "Fall Friedman" spaltet Deutschlands Juden

zuletzt aktualisiert: 26.06.2003 - 06:32

Berlin (rpo). Seitdem Michael Friedmann durch möglichen Kokain-Konsum in die Schlagzeilen gekommen ist, blicken viele der 120 000 Juden in Deutschland besorgt auf seine Zukunft.

Ob als beredter Kämpfer gegen Antisemitismus oder Fürsprecher einer Normalisierung im Zusammenleben - jahrelang war Michel Friedman der sichtbarste Vertreter der Juden in Deutschland. Doch seitdem der Zentralrats-Vizepräsident nach den Drogenvorwürfen abgetaucht ist, blicken viele der rund 120 000 Juden in Deutschland besorgt auf Friedmans Zukunft.

"Die Gemeinden sind zur Zeit paralysiert", sagt Julius Schoeps, Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums für Jüdische Studien der Universität Potsdam. Nur wenige wollten sich öffentlich äußern. Viele befürchteten, dass die Ermittlungen gerade jenen Auftrieb geben könnten, denen Friedmann schon immer ein Dorn im Auge war, sagt Schoeps, ein aktives Mitglied der Berliner Gemeinde.

Andreas Nachama, früherer Gemeindevorsitzender in Berlin, sieht die Geschichte um Friedman als "Alptraum - unvorstellbar und unwirklich". Etliche Gemeindemitglieder betrachteten den massiven Polizeieinsatz in Friedmans Wohnung und Kanzlei als gezielten Schlag gegen den unbequemen Politiker und Medienmann. Holocaust-Überlebende würden sogar Vergleiche zur Verfolgung unter den Nazis ziehen - eine Haltung, die Nachama für "katastrophal" hält. Friedman, dessen Eltern mit Hilfe von Oskar Schindlers Liste den Gaskammern entkamen, gilt für viele Überlebende als selbstbewusster Mahner gegen jede Form von antijüdischen Ressentiments - wie zuletzt im Streit mit dem FDP- Politiker Jürgen Möllemann.

Zwar hat sich der Zentralrat der Juden in Deutschland hinter Friedman gestellt. Und für Präsident Paul Spiegel bleiben die Vorwürfe Privatsache des 47-Jährigen, die seine Tätigkeit in der Exekutive des Zentralrats nicht berührten. Doch unter jüdischen Intellektuellen werden Stimmen laut, die sich eine neue Rollenverteilung für Friedman wünschen. "Er allein weiß, was er getan hat und was er noch tun kann", sagt Nachama, der sich aber mit Ratschlägen zurückhält.

Laute Kritik an den vielen Funktionen von "Hansdampf" Friedman äußert Schoeps. "Man kann nicht gleichzeitig Journalist sein und politische Funktionen wahrnehmen - das ist ein Widerspruch", betont der Historiker. Friedman müsse aber selber entscheiden, was er wolle. Für den Publizisten Henryk Broder ist Friedman mit den Ermittlungen "in der Wirklichkeit" angekommen. Ein Leben "im Heißluftballon mit Turbomotor" habe seinen Preis, schreibt Broder auf seiner Homepage.

Für den Schriftsteller Maxim Biller ("Ezra") herrscht in der Debatte um Friedman "ein furchtbares Durcheinander". Zunächst sollte geklärt werden, ob sein angeblicher Kokainkonsum strafbar sei. "Aber die Öffentlichkeit kümmert sich nicht um die Frage - sie ist nur gierig nach Vorverurteilung, nicht aus Antisemitismus, sondern aus Klatschsucht", betont der Autor. "Mich macht der Fall weder ratlos noch betroffen - mir ist der neue Friedman lieber als der alte". In seiner Unerschrockenheit unterscheide sich der Talk-Master von 95 Prozent aller Journalisten. "Dafür wird er als Moralist von einer unmoralischen Öffentlichkeit beschimpft", kritisiert Biller.

Der Journalist Richard Chaim Schneider spürt eine "gewisse antijüdische Häme" in den Vorwürfen gegen Friedman. Für den Autor einer Fernsehreihe über jüdisches Leben in Deutschland nach 1945 hat sich Friedman zwar selber in die Rolle des "Moralapostels" begeben. "Doch unabhängig von seiner Eitelkeit und Arroganz, ist Friedman für sein so kleinbürgerliches Land wie Deutschland etwas sehr provokantes", sagt Schneider. "Ein lauter Jude, der es wagt auf die Meinung der Menschen zu pfeifen, ist eine Form von innerer Emanzipation, die man in Deutschland nicht aushält".


 
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