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Brexit
Farage will sein Leben zurück

London. Brexodus: Nachdem David Cameron als britischer Premierminister zurückgetreten ist und Boris Johnson im Rennen um den Parteivorsitz das Handtuch geworfen hat, nimmt jetzt auch der Chef der rechtspopulistischen Partei Ukip seinen Hut. Von Jochen Wittmann

Jetzt auch Nigel Farage. Der 52-Jährige erklärte gestern überraschend seinen Rücktritt als Parteichef von Ukip. Er habe erreicht, was er wolle, meinte er: "Und heute sage ich: Ich will mein Leben zurück." Mancher Brite wäre versucht zu antworten: Ich will mein Land zurück.

Farage sieht sich als der große Sieger im Referendum über den britischen Verbleib in der Europäischen Union. "Mein Ziel in der Politik", sagte er, "war es, Großbritannien aus der EU zu holen, und das ist, wofür wir in diesem Referendum gestimmt haben. Und das ist auch der Grund, warum ich jetzt denke, dass ich meinen Teil getan habe und nicht mehr vollbringen kann als das, was wir im Referendum erreicht haben." Sein Mandat als Abgeordneter des Europaparlaments werde er weiterhin ausüben und "den Verhandlungsprozess in Brüssel wie ein Falke beobachten". Informelle Gespräche mit der EU könnten nach den Worten des britischen Außenministers Philip Hammond bereits nächste Woche beginnen. Brüssel dringt auf raschen Beginn der Verhandlungen.

Karikaturisten zeichnen Nigel Farage gern mit einem Pint Bier in der linken und einer Zigarette in der rechten Hand, dazwischen ein glubschäugiges Gesicht mit einem breiten Grinsen. Der überzeugte Raucher und Biertrinker - das Aufheben des Rauchverbots in Kneipen ist erklärtes Parteiziel - nimmt kein Blatt vor den Mund, gibt sich stets jovial und volksnah. Witzig kann er auch sein. "Ich weiß, wie es ist", pflegt der in zweiter Ehe mit einer Hamburgerin verheiratete Politiker zu betonen, "in einem deutsch-dominierten Haushalt zu leben."

Beim Aufstieg von Ukip spielte die persönliche Popularität von Nigel Farage keine geringe Rolle. Seine Wähler mögen seine Anti-Establishment-Attitüde. Sie schätzen den leidenschaftlichen Patriotismus des Mannes, und wenn ein bisschen Fremdenfeindlichkeit dabei durchklingt, dann schadete ihm das auch nicht. Farage tritt auf als der fleischgewordene Protest gegen die politische Klasse, und das kommt bei einer großen Gruppe von Briten, die sich mit der Globalisierung nie haben anfreunden können, gut an. Auf rund 15 Prozent wird dieses Wählerreservoir der "Zurückgebliebenen" geschätzt. Bei den Unterhauswahlen vor einem Jahr hat Ukip rund vier Millionen Stimmen gewinnen können. Es bleibt abzuwarten, ob unter Farages Nachfolger die Partei ihren Höhenflug fortsetzen kann.

In den wenigen Tagen seit dem Referendum hat sich das politische Terrain im Königreich rasant verändert. Mit Nigel Farage ist ein weiterer Fixpunkt der politischen Landschaft verschwunden, nachdem schon letzte Woche Boris Johnson ebenfalls völlig überraschend erklärt hatte, sich nicht für den Parteivorsitz der Konservativen und damit für den Posten des Premierministers bewerben zu wollen. Millionen von Briten, die gegen den Brexit gestimmt haben, empfinden es jetzt als einen Schlag ins Gesicht, dass Farage und Johnson zuerst einen völligen Schlamassel angerichtet haben und sich dann aus der Verantwortung stehlen.

Im Fall Farage trifft der Vorwurf nicht ganz, denn der Mann war nie in einer Position, wirklich bestimmen zu können, wie der Brexit gestaltet werden soll. Als Chef einer Partei, die im Unterhaus über einen einzigen Abgeordneten verfügt (mit dem er auch noch zerstritten ist), gab es für Farage immer nur die Rolle der Opposition. Doch Boris Johnson muss sich dem Vorwurf der Fahnenflucht stellen. Er hätte Chancen gehabt, als Premierminister die Austrittsverhandlungen zu führen. Doch er hatte keinen Plan und war offenbar erschrocken über die Aussicht, Verantwortung übernehmen zu müssen.

Von den ursprünglich "drei Brexiteers", die an vorderster Front für den EU-Austritt gekämpft haben, ist nur noch Michael Gove dabei. Der Justizminister hat sich neben vier anderen Kandidaten um den Parteivorsitz der Konservativen beworben und will als Premierminister erklärtermaßen eine völlige Loslösung von der Europäischen Union.

Michael Gove, sagte einmal David Cameron, sei "ein Maoist, der an Fortschritt durch den Prozess der kreativen Zerstörung glaubt". In seinem Büro hängen die Bilder von Lenin, Malcolm X und Martin Luther King. Er ist ein höflicher Radikaler, der für seine Ideale alles opfert. Sogar seinen Mitstreiter Boris Johnson, dessen Bewerbungskampagne Gove geleitet hatte, bevor sich der 48-Jährige selbst zum Kandidaten aufschwang, weil er Johnson die Führung nicht mehr zutraute - und ihn öffentlich denunzierte.

Genau damit dürfte Gove seine Chancen verschlechtert haben. Briten mögen Illoyalität nicht. "Derjenige, der das Messer schwingt", lautet eine britische Lebensweisheit, "wird niemals die Krone tragen." Damit wäre dann auch der dritte Brexiteer von der Bühne verschwunden, auf dem die Tragödie "Brexit" in den nächsten Jahren gespielt wird.

Quelle: RP
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