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Analyse
Feinde im eigenen Land

Wenn eine Gesellschaft zu den Waffen greift, um ihre politischen, ethnischen oder religiösen Konflikte auszutragen, sind die Folgen besonders schlimm. Die ausufernde Gewalt bei Bürgerkriegen trifft besonders Zivilisten. Von Martin Bewerunge

Was bringt ein Volk dazu, auf die eigenen Landsleute loszugehen? Seine Städte zu skelettieren? Jede Form von Menschlichkeit beiseitezufegen? Und damit nicht aufzuhören, bis es nichts mehr zu ruinieren gibt, bis auch die Hoffnung gestorben ist und jeder Glaube an die Zukunft erloschen? Syrien versinkt in dieser Todesspirale, einer irren Orgie der Selbstzerstörung, die bloß ein Konflikt hervorzubringen vermag: der Bürgerkrieg.

Nichts erschüttert eine Gesellschaft so in ihren Grundfesten wie Bürgerkrieg. Wenn politische, ethnische oder religiöse Konflikte eskalieren, gibt es oft kein Halten mehr. Der "civil war", die "guerre civile" stellt den Angriff auf die Zivilisation schlechthin dar: Kein äußerer Feind, vielmehr die Bevölkerung eines Staates beraubt sich auf dem eigenen Territorium all jener Errungenschaften, die zuvor gemeinsam geschaffen worden waren - am Ende sogar ihrer sozialen und materiellen Lebensgrundlagen. "Bürgerkrieg ist für beide Parteien ein Unglück. Denn das Verderben trifft Sieger und Besiegte in gleicher Weise", brachte es der griechische Philosoph Demokrit schon vor mehr als 2400 Jahren auf den Punkt.

Während in zwischenstaatlichen Kriegen eine rein physische Zerstörung von Gemeinden angestrebt werde, zielten Bürgerkriege auf eine Infragestellung, Veränderung oder Zerstörung lokaler sozialer Zusammenhänge ab, folgern Sabina Ferhadbegovic und Brigitte Weiffen in ihrer kulturwissenschaftlichen Analyse des Phänomens Bürgerkrieg. "Ein Bürgerkrieg ist somit in viel tiefgreifenderer Weise als ein zwischenstaatlicher Krieg in der Lage, Menschen und Gesellschaften zu verändern."

Das tut er auf besonders grausame Art: Während der Krieg zwischen Staaten zumindest einige Regeln kennt, wie formelle Kriegs-, Waffenstillstands- und Kapitulationserklärungen oder Vorgaben, welche die Behandlung von Gefangenen oder den Umgang mit der Zivilbevölkerung betreffen, so wird der Bürgerkrieg noch immer verbreitet als innere Angelegenheit eines Staates betrachtet. Entsprechend ungebunden fühlen sich die Kontrahenten bei der Berücksichtigung der Genfer Kriegskonvention, obwohl einige Grundsätze dort auch für den Bürgerkrieg für verbindlich erklärt wurden - wenngleich erst im Jahr 1977.

Die Verrohung, die dabei zutage tritt, schockiert, weil es ja nicht Fremde sind, die sich gegenseitig massakrieren, sondern Bekannte. Menschen töten einander, die sich räumlich und kulturell nahestehen, ja aus ein und derselben Erfahrungswelt stammen. Aus diesem Grund nehmen die Konfliktparteien die Gewalt, die jeweils von der anderen Seite ausgeübt wird, als besonders verabscheuungswürdig wahr. Das Ergebnis: Der Hass explodiert. Nachbarn werden zu Feinden. "Der Riss geht sogar durch Familien", weiß Petra Becker. Die Syrien-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin hat fast zehn Jahre in Damaskus gearbeitet und den Beginn der Gewalt noch selbst erlebt.

Beispiel USA: Der Konflikt zwischen den Nord- und den Südstaaten hat von 1861 bis 1865 mehr Amerikaner im eigenen Land dahingerafft als alle anderen Kriege zusammen, in die die Nation hernach verwickelt war: Am Ende waren mindestens 620.000 Tote zu beklagen. Und noch etwas lehrt dieser blutige Bruderzwist: Die Folgen von Bürgerkriegen wirken jahrzehntelang nach - in den USA schon mehr als ein Jahrhundert.

Auch Spanien hat seinen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 und die nachfolgende Diktatur bis 1975 bis heute nicht verwunden. Der Mantel des Schweigens liegt über der furchtbaren Vergangenheit, damit das Zusammenleben weiter funktioniert. Nach einem Bürgerkrieg gilt es eben nicht nur, zerstörte Infrastruktur wiederherzustellen, sondern auch, soziale Beziehungen neu aufzubauen. Risse in einer Gesellschaft zu kitten, ist aber die ungleich größere Aufgabe. Wo dies nicht gelingt, kommt es zur Teilung, etwa in Bosnien, das jetzt aus der muslimisch-katholischen Föderation und der serbisch-orthodoxen Republik Srpska besteht.

Unbeteiligte werden in großer Zahl Opfer der enormen Härte, mit der Bürgerkriege geführt werden. Eine Ursache dafür liegt auch in der Asymmetrie innerstaatlicher Konflikte, wo Befreiungsbewegungen, Guerillaorganisationen, Söldner, mitunter das organisierte Verbrechen auf reguläre Streitkräfte treffen. Rasch geht es nur noch darum, den Gegner an seiner verwundbarsten Stelle zu treffen. Wobei es immer schwieriger wird, Gewinner und Verlierer auszumachen. "Die Guerilla gewinnt, wenn sie nicht verliert. Die konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht gewinnt", bemerkte der damalige US-Außenminister Henry Kissinger über den Vietnamkrieg.

Seit 1945 haben Kämpfe von Staaten mit nichtstaatlichen Gegnern die Kriege zwischen Staaten als häufigste Form des bewaffneten Konflikts abgelöst. Sie wird auch das 21. Jahrhundert prägen. In den meisten Fällen dauern die Kämpfe bis zum bitteren Ende; eine klare Antwort auf die Frage, wie Bürgerkriege verhindert oder beigelegt werden können, gibt es nicht. Nur in einem Punkt sind sich Konfliktforscher einig: Die Entsendung von Friedenstruppen kann das Risiko der massenhaften Tötung verringern. Doch müssen die Streitparteien für ein solches Peacekeeping bereit sein. Für Syrien hegt Petra Becker angesichts der großen Zahl unterschiedlicher Kampfgruppen wenig Hoffnung: Der Krieg könne noch zehn bis 20 Jahre dauern. "Das Land wird zerfallen, oder es gibt unter dem starken militärischen Druck Russlands einen faulen Frieden, wie ihn die Russen schon in Tschetschenien durchgesetzt haben."

Ahnten das die, die sich 2011 gegen das Assad-Regime erhoben? Immerhin: Die Wahrscheinlichkeit, dass gewaltfreier Widerstand zum Ziel führen würde, war zwischen 1900 und 2006 doppelt so hoch wie jene gewalttätigen Widerstandes. Besonders, wenn es um Regimewechsel oder Befreiung von fremder Besatzung gehe, biete Gewaltlosigkeit statistisch die besseren Erfolgschancen, heißt es in einer Studie. Aber daran denken die Wenigsten, wenn der Hass explodiert.

Quelle: RP
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