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Analyse
Flüchtlinge gegen die Lehrlingslücke

Berlin. Die Nachwuchssituation für Deutschlands Betriebe verschärft sich immer mehr. Der neue Berufsbildungsbericht verbindet die Flüchtlingsbewegung mit Hoffnungen, doch die Erfahrungen sind trübe. Von Gregor Mayntz

Kaum merklich zwar, aber immer bedrohlicher mindert die Demografie Deutschlands Chancen im internationalen Wettbewerb. Mehr noch: Sie gefährdet die Fundamente von Wohlstand und sozialer Sicherheit. Das wird aus dem 2016er Berufsbildungsbericht ersichtlich, den Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) morgen dem Bundeskabinett vorlegen will. Hinter dem Erfolg einer auf 503.200 gestiegenen Zahl neuer betrieblicher Ausbildungsverträge lauert bereits eine Jahr für Jahr größer werdende Lücke: Seit 1996 blieben noch nie so viele Lehrstellen unbesetzt. Ihre Zahl stieg von 17.255 im Jahr 2009 auf zuletzt 40.960. Händeringend suchen die Betriebe nach Nachwuchs, während die Belegschaften älter und älter werden.

Das hat mit Deutschlands Schrumpfen zu tun. Im vergangenen Jahrzehnt hat die Zahl junger Leute, die für Ausbildungsplätze infrage kommen, um rund 100.000 abgenommen. In den nächsten neun Jahren sinkt sie nach den im Regierungsbericht aufgeführten Prognosen um weitere 90.000. Deshalb sehen Experten in der Vielzahl vor allem junger Flüchtlinge einerseits eine Herausforderung für die Integration, andererseits eine Chance für den Ersatz ausbleibender Fachkräfte.

Ist das realistisch? Bislang hatte das rapide Anwachsen der Flüchtlingszahlen jedenfalls kaum Auswirkungen auf den aktuellen Ausbildungsmarkt, obwohl rund 50 Prozent der Geflüchteten unter 25 Jahre alt sind. Doch als das Gros der jungen Leute eintraf, lief das Ausbildungsjahr schon. Ohnehin braucht es eine Zeit, bis der Aufenthaltsstatus geklärt und die Basis an Grundwissen und Sprachkenntnissen gelegt ist. Zumindest ist der rechtliche Rahmen bereits angepasst worden, wonach ein Ausbildungsvertrag eine Abschiebung verhindert. Mit dem Integrationsgesetz sollen Arbeitgeber sicher sein, dass ihr Lehrling ihnen bis zum Ende der Ausbildung erhalten bleibt und auch die Chance erhält, in der Firma Fuß zu fassen.

Wenig erfreulich sind allerdings die Erfahrungen, die das deutsche Berufsbildungssystem in der Vergangenheit mit Migranten gemacht hat. Junge Ausländer verlassen allgemeinbildende Schulen doppelt so häufig wie junge Deutsche ohne Abschluss (11,9 zu 4,9 Prozent). Und unter jungen ausländischen Männern starten nur halb so viele eine Ausbildung wie unter jungen deutschen Männern (33,2 zu 66,0 Prozent). Bei jungen Frauen liegt das Verhältnis bei 28,8 zu 46,0 Prozent.

Wie kommt es zu diesen eklatanten Unterschieden, wo doch andere Erhebungen ergeben haben, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund genauso interessiert sind an beruflicher Ausbildung wie deutsche junge Leute? Der Berufsbildungsbericht geht zunächst auf das Hindernis fehlender schulischer Abschlüsse ein, kommt dann aber bei der Fein-Analyse zu dem Befund, dass selbst unter den jungen Leuten mit gleichen Abschluss-Voraussetzungen bei den Ausländern deutlich weniger in Ausbildung kamen. Ganz besonders, wenn sie türkischer oder arabischer Herkunft waren.

Die Ursachen sind nicht exakt ermittelt. Aber sie können mit spezifischen Berufswünschen und regionalen Besonderheiten des Ausbildungsangebotes zu tun haben. Im Raum steht zudem die Vermutung, dass auch "Selektionsprozesse" dahinterstehen. Sprich: Manche Ausbildungsbetriebe sind skeptischer, wenn sich Türken oder Araber bewerben. Ein Befund liegt zumindest vor: Wenn Ausländer und Deutsche die gleiche Vorbildung und soziale Herkunft haben, die gleichen Berufe suchen, die gleiche Ausbildungsmarktsituation und die gleichen Rahmenbedingungen vorfinden, haben sie identische Chancen, gute Noten und Abschlüsse zu erzielen. In dem Fall werden junge Migranten sogar häufiger in ein Beschäftigungsverhältnis übernommen.

Mögliche Wege aus der Demografiefalle liegen nach Einschätzungen von Experten auch in verstärkten Bemühungen um die knapp zwei Millionen Menschen ohne jede Berufsausbildung. Zudem sind auch aktuell über die 550.000 Bewerber hinaus weitere 250.000 als ausbildungsinteressiert eingestuft. Sie entscheiden sich für andere Bildungsgänge wie Studium oder Fachschule, bleiben unversorgt oder unerkannt. "Insofern ist noch Potenzial vorhanden, mehr junge Menschen für die duale Berufsausbildung zu gewinnen", hält ein Kreis von Berufsbildungsexperten von Arbeitgebern, Gewerkschaften, Bund und Ländern fest.

Allerdings sind die Chancen regional sehr verschieden. Auf der Deutschlandkarte sind die nördlichen und westlichen Regionen mit größeren Versorgungsproblemen belastet, die östlichen und südlichen Regionen eher mit Besetzungsproblemen. Zudem gibt es große Unterschiede zwischen favorisierten und unbeliebten Berufen. Junge Männer zieht es vor allem zur Kraftfahrzeugmechanik, Elektronik und in den Einzelhandel, junge Frauen ins Büromanagement, in die Medizin und den Verkauf.

Auf der anderen Seite ist jede dritte Restaurantfach-Lehrstelle als unbesetzt registriert. Die Berufe des Hotel- und Gastgewerbes fallen zudem mit höchsten Vertragsauflösequoten auf. So wollen 48,6 Prozent doch nicht Koch und 50,5 Prozent doch nicht Kellner werden. Der Dehoga-Fachverband zweifelt die Aussagekraft an, verweist auf Nachvermittlungen und darauf, dass auch Betriebswechsel als Vertragsauflösungen verzeichnet würden. Viele junge Leute fänden die Ausbildung in Großstädten und Großbetrieben attraktiver. Deshalb hätten insbesondere kleine und mittelständische Betriebe und solche auf dem Land Schwierigkeiten. Gerade Familienbetriebe seien aber oft engagierte Ausbilder, die überlaufenen Medien- und Designberufe dagegen nicht für jeden die beste Wahl.

Quelle: RP
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