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Berlin
Flüchtlingskrise bringt DRK-Suchdienst neue Aufgaben

Berlin. Farhad S. lächelt. Ein wenig verlegen und schüchtern, aber es ist ein Lächeln. Was bei Weitem keine Selbstverständlichkeit ist, bei allem, was er durchmachen musste. Denn Farhad S. hatte seine Familie verloren. Gemeinsam mit seiner Mutter und drei Geschwistern floh er 2009 aus Afghanistan. Im Jahr 2011 erreichte er endlich Deutschland - allerdings allein. Weder Telefonate in die Heimat noch Internetrecherchen halfen weiter. Daher wandte sich der heute 26-Jährige Anfang 2015 an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Ein Foto mit der Unterschrift "I am looking for my family" wurde vom DRK ins Internet gestellt. Mit Erfolg: Schon einen Monat später wurde der afghanische Englisch-Lehrer seines Bruders auf S. aufmerksam, die Familie fand wieder zusammen.

Solche Geschichten sind es, die die Mitarbeiter des DRK-Suchdienstes motivieren. Bereits im Deutsch-Französischen-Krieg wurde diese Aufgabe im Jahr 1870 erstmals übernommen.

Anlässlich des "Internationalen Tages der Vermissten" am morgigen Dienstag stellten DRK-Präsident Rudolf Seiters, der stellvertretende Leiter der DRK-Suchdienst-Leitstelle Ronald Reimann sowie Martin Schüepp, stellvertretender Regionaldirektor beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), die Arbeit des Suchdienstes vor. "Wir möchten auf das Schicksal der Menschen und die Herausforderungen des DRK aufmerksam machen und dafür sorgen, dass sich noch mehr Suchende an uns wenden", sagte Seiters. Das DRK ist nach eigenen Angaben weltweit die einzige humanitäre Hilfsorganisation, die einen derartigen Suchdienst betreibt. Bei der Suche nach vermissten Familienangehörigen arbeitet die Hilfsorganisation mit insgesamt 190 nationalen Rot-Kreuz- und Roter-Halbmond-Gesellschaften sowie dem Zentralen Suchdienst des IKRK zusammen.

Insgesamt erreichten das DRK in diesem Jahr bereits rund 1400 neue Suchanfragen. "Bis zum Ende des Jahres rechnen wir mit rund 3000. Das wäre eine Steigerung von 90 Prozent gegenüber 2015", sagte Seiters. "Aber in fast der Hälfte der Fälle konnte der Suchdienst auch helfen, indem der Kontakt zu Vermissten wiederhergestellt wurde."

Doch gerade durch die Ausweitung des Angebots auf das Internet, nämlich die fotobasierte Suchplattform "Trace the face", hätten die Suchmöglichkeiten in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut und verbessert werden können, wie Reimann erläuterte. "Die Online-Suche vereinfacht die Arbeit enorm. Vorher gab es große Transkriptionsschwierigkeiten der Namen aus anderen Schriftsystemen, allein für den Namen Mohammed gibt es über 70 verschiedene Schreibweisen. Dadurch wurden die Übersetzungsergebnisse ungenau, ebenso wie die Suche."

Auf der Plattform "Trace the face" können Suchende daher ein Foto von sich hochladen und angeben, welche Familienangehörigen sie finden wollen. Werden sie erkannt, können die "Finder" sich über einen Button direkt an den Suchenden wenden und Kontakt herstellen. Seit dem Start der Plattform im Jahr 2015 wurden dort 1249 Fotos von Erwachsenen und 451 Minderjährigen hochgeladen. Insgesamt konnten dadurch bislang 36 Fälle aufgeklärt werden.

Dazu gehört auch die Geschichte von Farhad S. - genauer: seine Odyssee. Ihren Beginn nahm sie mit der Flucht aus Afghanistan. Farhads älterer Bruder hatte als Dolmetscher für die US-Streitkräfte gearbeitet. Das fanden Rebellen heraus und verschleppten ihn, er gilt seitdem als verschollen. Mit 3000 Euro Bargeld im Gepäck brach Familie S. zur iranischen Grenze auf. Nach einigen Monaten ging es dann weiter, über die Türkei erreichten sie schließlich Griechenland. Farhad organisierte ein Boot, alle gemeinsam wollten sie nach Italien übersetzen. "Meine Mutter und meine Geschwister stiegen ins Boot. Ich nicht. Ich behielt das Geld und wollte erst am nächsten Tag nachkommen." Das tat er auch - doch von seiner Familie keine Spur. Jahrelang suchte er sie. Bis ihn eine Berliner Organisation Anfang 2015 schließlich auf das DRK-Angebot aufmerksam machte. Schon nach einem Monat hatte er Erfolg. Heute weiß Farhad: Das Boot seiner Familie geriet in einen Sturm und wurde von Italiens Küstenwache aufgegriffen. Die Insassen wurden zurück nach Griechenland geschickt. Seine Mutter kehrte nach Afghanistan zurück. Ohne Hilfe hätte Farhad S. davon wohl nie erfahren.

(m-p)
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