Auch Schröder will Verzicht: Forderungen nach Verbot der Uran-Munition werden lauter
zuletzt aktualisiert: 08.01.2001 - 16:22Berlin (AP/dpa). Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich am Montag den Forderungen nach einem Verzicht der USA auf den Einsatz uranhaltiger Munition angeschlossen. Die Grünen forderten Verteidigungsminister Rudolf Scharping auf, sich in der NATO für ein Verbot dieser Munition einzusetzen. Dem vom ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer geleiteten Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) sind von der NATO insgesamt 112 Orte genannt worden, an denen Uran-Munition eingesetzt wurde.
Schröder sagte in Hannover, er halte es nicht für richtig, eine Munition zu verwenden, die zur Selbstgefährdung der eigenen Soldaten führen könne. Der deutsche Vertreter im NATO-Rat sei angewiesen, die italienische Position zu unterstützen. "Wir wollen rückhaltlose Aufklärung, wo die Munition verwendet worden ist mit welchen Folgen. Wir wollen wissen, ob es Zusammenhänge zwischen diesen Krankheitsfällen und der Verwendung dieser Munition gibt", sagte der Kanzler.
Die Grünen-Vorsitzende Renate Künast erklärte in Berlin, ein Verbot des Einsatzes von Uran-Munition müsse zumindest solange gelten, bis geklärt sei, ob es einen Kausalzusammenhang gebe zwischen dieser Munition und den Leukämie-Erkrankungen von Soldaten. Wegen der eingetretenen Verunsicherung müsse darüber hinaus jedem auf dem Balkan eingesetzten Soldaten angeboten werden, sich medizinisch untersuchen zu lassen.
Das Münchner Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) wird voraussichtlich am Freitag das Endergebnis der Untersuchung der im Kosovo eingesetzten deutschen Soldaten auf mögliche Verseuchung mit abgereichertem Uran bekannt geben. Das teilte GSF-Sprecher Hans-Jörg Haury auf Anfrage mit. Die GSF hat im Auftrag der Bundeswehr 118 Soldaten untersucht, bei denen ein Aufenthalt in Regionen, in denen uranhaltige US-Munition verschossen wurde, nicht ausgeschlossen werden kann. Sicherem Vernehmen nach entspricht das Endergebnis dem bereits veröffentlichten Zwischenbericht, wonach bei den Soldaten keine Spuren von Uran festgestellt werden konnten.
UNEP fand uranhaltige Munitionsreste
Nach einer in Bonn veröffentlichten Mitteilung der UNEP hat ein Wissenschaftler-Team der Organisation im November elf der zwölf in Frage kommenden Orte im Kosovo untersucht. Fünf davon befänden sich im italienischen und sechs im deutschen Sektor. An drei Orten seien keine Anzeichen höherer Radioaktivität oder Überreste uranhaltiger Munition gefunden worden. Acht Stellen wiesen hingegen im direkten Umkreis der Einschlagstellen eine leicht erhöhte Beta-Strahlung auf. Das Team sei erstaunt gewesen, anderthalb Jahre nach dem Konflikt Reste uranhaltiger Munition einfach auf dem Boden zu finden. Erste Ergebnisse der Analysen ließen "äußerste Vorsicht beim Umgang mit den Geschosshülsen geboten erscheinen".
Der parlamentarische FDP-Fraktionsgeschäftsführer Jürgen Koppelin wiederholte am Montag seinen Vorwurf, Scharping betreibe eine Verschleierungstaktik. Sein Fraktionskollege Günther Nolting forderte von Scharping ein "Ende der Geheimniskrämerei". CSU-Landesgruppenchef Michael Glos nannte es im Südwestrundfunk unverständlich, dass Scharping so spät reagiert habe. Dagegen sah der verteidigungspolitische SPD-Fraktionssprecher Manfred Opel im Westdeutschen Rundfunk keinerlei Versäumnisse des Ministers.
KFOR und UNMIK erwarten Entscheidungen
Die Kosovo-Friedenstruppe KFOR und die UN- Verwaltung im Kosovo (UNMIK) haben sich noch nicht auf Maßnahmen wegen der uranhaltigen Geschosse in der Krisen-Provinz geeinigt. Es würden die Ratschläge von Umweltexperten abgewartet, sagte UNMIK- Sprecherin Susan Manuel am Montag in Pristina.
"Abhängig von den Ratschlägen werden KFOR und UNMIK mit anderen internationalen Organisationen entsprechende Schritte absprechen", sagte Manuel. "Und sollte die UN-Umweltorganisation UNEP eine komplette Räumung oder Beseitigung der identifizierten Geschosse mit abgereichertem Uran empfehlen, werden wir entscheiden, wer die Erfahrung und Mittel für diese anspruchsvolle Aufgabe hat."
Der scheidende UN-Verwalter der südjugoslawischen Provinz, der Franzose Bernard Kouchner, hatte am Wochenende einen dringenden Appell an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerichtet, Gesundheitsexperten für eine Beobachtung der Bevölkerung zu schicken. "Kouchner hat in der vergangenen Nacht auch mit NATO-Generalsekretär George Robertson gesprochen, um die Haltung in dieser Frage abzustimmen. Sie werden diese Nacht wieder sprechen", sagte Manuel.
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