| 10.34 Uhr

Paris
French Connection

Paris. Helmut Schmidt und den französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing verband eine lebenslange Freundschaft. Von Christine Longin

In der Kellerbar von Helmut Schmidts Haus in Hamburg soll der verstorbene Bundeskanzler zusammen mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing die Grundlagen des europäischen Währungssystems ausgehandelt haben. Eine deutsch-französische Initiative, die heute so nicht mehr vorstellbar ist. Doch Schmidt und Giscard waren mehr als zwei Politiker, die in der schwierigen Zeit nach der Ölkrise 1973 zur Zusammenarbeit gezwungen waren. Zwischen dem sozialdemokratischen Regierungschef und dem konservativen Präsidenten herrschte eine lebenslange Männerfreundschaft. Zu sehen war sie zuletzt 2013, als Schmidt zu seinem Abschiedsbesuch nach Paris kam und in der Botschaftsresidenz zusammen mit dem sieben Jahre jüngeren früheren Staatschef über Europa sprach. Nicht das Europa von heute, sondern das im Jahre 2030.

Die beiden alten Männer waren sich in fast allen Punkten einig, so wie sie auch während ihrer Regierungszeit nur wenige Meinungsverschiedenheiten hatten. Eine davon war der Beitritt Griechenlands zur damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG). "Ich war für den Eintritt Griechenlands, Helmut hat sich gesträubt", erinnerte sich Giscard 2013. "Er war weiser als ich." Doch Schmidt ließ sich überreden, denn seine Devise lautete: "Nichts ohne Frankreich".

Sieben Jahre lang regierten die beiden überzeugten Europäer, die 1974 kurz nacheinander an die Macht kamen, parallel. In ihre Zeit fiel die erste Direktwahl des Europaparlaments 1979, mit der vor allem Schmidt die europäische Volksvertretung stärken wollte. Deutlich einflussreicher sind heute noch der Europäische Rat, den die beiden 1974 als feste Institution aus der Taufe hoben, und die G 7 der wichtigsten Industrienationen, die 1975 folgte.

Besonders eng war die Zusammenarbeit der beiden ehemaligen Finanzminister in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen. 1979 arbeiteten der Volkswirt Schmidt und Giscard das Europäische Währungssystem (EWS) aus mit der Europäischen Währungseinheit ECU als Kernstück. Schon 20 Jahre vor der Einführung des Euro bereiteten die beiden Politiker damit der Gemeinschaftswährung den Weg. Vom "goldenen Zeitalter" der deutsch-französischen Beziehungen sprechen Historiker, wenn es um das legendäre Paar geht. Die beiden Altpolitiker sahen bei ihren Nachfolgern nicht mehr dieselbe Begeisterung für das deutsch-französische Verhältnis.

Dazu gehören Angela Merkel und François Hollande - eine konservative Kanzlerin und ein sozialistischer Präsident. Doch die beiden, die jetzt das deutsch-französische Paar bilden, sind nicht bereit, wie ihre Vorgänger über ihren politischen Schatten zu springen. Dass sie in 20 oder 30 Jahren wie Schmidt und Giscard nebeneinander sitzen und neue Ideen für Europa entwickeln, kann sich keiner vorstellen. Für Giscard ist die Zusammenarbeit mit seinem Freund auch nach dem Tod noch nicht vorbei: "Vielleicht werden wir uns im Kosmos wiedertreffen."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Paris: French Connection


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.