Eine gewisse Zeit verstreichen lassen: Friedman soll in Zukunft wieder Ämter übernehmen
zuletzt aktualisiert: 09.07.2003 - 10:04Frankfurt/Main (rpo). Alexander Brenner, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, plädiert dafür, dass Michel Friedman nach einer gewissen Zeit wieder Ämter innerhalb der jüdischen Gemeinschaft übernehmen soll. Friedman hatte am Dienstag sämtliche Ämter niedergelegt.
Im Inforadio Berlin-Brandenburg sagte Brenner am Mittwoch: "Ich hoffe, dass die Zeit einen normativen Charakter spielt."
Den Rücktritt Friedmans als Vize des Zentralrats der Juden in Deutschland bezeichnete Brenner als schweren Verlust. Trotz der kritischen Stimmen Einzelner habe die Affäre um Friedmans Kokainkonsum die jüdischen Gemeinden nicht gespalten. Friedman hatte am Dienstag mit dem Schuldeingeständnis in der Drogenaffäre den Rücktritt von all seinen öffentlichen Ämtern erklärt.
Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Fernsehmoderator Michel Friedman legte am Dienstag nach einem Strafbefehl wegen illegalen Kokainbesitzes alle öffentlichen Ämter nieder. "Ich habe einen Fehler gemacht", sagte Friedman am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Frankfurt/Main in einer vorbereiteten Erklärung. Er habe viele Menschen enttäuscht. Der Zentralrat der Juden zollte Friedman Respekt für diesen Schritt und würdigte seine Arbeit.
Der jüdische Funktionär und TV-Journalist hat den Strafbefehl wegen illegalen Kokainbesitzes zu 150 Tagessätzen in Höhe von insgesamt 17 400 Euro akzeptiert. Damit ist Friedman vorbestraft, da es sich um mehr als 90 Tagessätze handelt. Friedman sei von der Staatsanwaltschaft der Eigengebrauch von Kokain in zehn Fällen zum Vorwurf gemacht worden, sagte sein Anwalt Eckart Hild. Mit dem akzeptierten Strafbefehl sei das Verfahren rechtskräftig abgeschlossen.
Friedman entschuldigt sich bei Bärbel Schäfer
Friedman entschuldigte sich insbesondere bei seiner Lebensgefährtin, der Talkmasterin Bärbel Schäfer, "die ich von tiefem Herzen liebe". Er wolle eine Auszeit nehmen, um über seine Zukunft nachzudenken. Er glaube nicht, dass der Strafbefehl Auswirkungen auf Friedmans Anwaltstätigkeit habe, sagte sein Anwalt weiter. Der Eigenverbrauch von Betäubungsmitteln habe nichts mit der beruflichen Arbeit zu tun.
Über seine weitere Tätigkeit als TV-Moderator äußerte sich Friedman, der keine Fragen von Journalisten beantworten wollte, nicht direkt. Er entschuldigte sich aber beim Hessischen Rundfunk und der ARD. "Drogen in einer Lebenskrise sind keine Hilfe", sagte Friedman. Am Ende seiner Erklärung bat er um eine zweite Chance. Friedman hatte seine Moderatorentätigkeit nach Beginn der Ermittlungen auf eigenen Wunsch ausgesetzt.
Hessischer Rundfunk vertagt Entscheidung über Friedman-Sendung
Der Hessische Rundfunk hat nach eigenen Angaben noch nicht über die Fortsetzung der beiden von Friedman moderierten Fernsehsendungen entschieden. "Wir wollen mit Friedman darüber noch ein Gespräch führen", sagte eine Sprecherin des Senders in Frankfurt/Main. Ein Termin stehe noch nicht fest. Friedman moderiert beim Hessischen Rundfunk die Talksendung "Vorsicht Friedman!" und in der ARD "Friedman".
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, wertete den Rücktritt seines Stellvertreters Friedman von allen öffentlichen Ämtern als "verantwortungsvolles Handeln". "Es spricht für Friedman, dass er sich seiner Verantwortung gestellt hat gegenüber der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland", sagte Spiegel der dpa in Düsseldorf. Dem Judentum in Deutschland und auch in Europa habe Friedman "jahrzehntelang mit großem Sachverstand und Engagement gedient".
Friedmans Anwalt lobte Arbeit der Berliner Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft hatte vor vier Wochen die Ermittlungen gegen Friedman begonnen. Nach Presseberichten war sie im Zuge der Ermittlungen gegen einen osteuropäischen Prostituierten-Ring auf den 47-Jährigen gestoßen. Der TV-Moderator soll in Anwesenheit von Prostituierten in einem Berliner Hotel Kokain zu sich genommen haben.
Friedmans Anwalt lobte ausdrücklich die Arbeit der Berliner Staatsanwaltschaft, kritisierte aber die Informationspolitik des Sprechers der Berliner Justiz. Dies sei zu Beginn der Ermittlungen einer "öffentlichen Hinrichtung" gleichgekommen.
Nach der Entschuldigung: Bärbel Schäfer braucht Zeit
Nach der öffentlichen Entschuldigung ihres Lebensgefährten Michel Friedman will Fernsehmoderatorin Bärbel Schäfer zunächst über die Zukunft ihrer Partnerschaft nachdenken. "Jeder wird dafür Verständnis haben, dass Frau Schäfer sich erstmal orientieren muss", sagte ihr PR-Berater Stefan Clausen am Dienstag auf dpa-Anfrage. Die 38-Jährige war nach drei Jahren Freundschaft vor kurzem öffentlich auf Distanz zu Friedman gegangen. "Jeder wird verstehen, dass ich jetzt natürlich Abstand brauche. Zeitlich wie räumlich", hatte sie der "Bild"-Zeitung gesagt.
Reaktionen:
"Die Zeit heilt alle Wunden. Nach einer gewissen Zeit wird er eine zweite Chance anstreben, und ich bin sicher, dass er sie bekommt." (Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel)
"Er befreit uns damit von der Problematik, den Vorgang diskutieren zu müssen. Ich bin sehr froh, dass er uns diesen Druck genommen hat." (Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens, Michael Fürst)
"Friedman hat Reue gezeigt und sich entschuldigt. Damit hat er seine Maßstäbe konsequent auch gegen sich selbst angewandt." (Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt/Main, Salomon Korn)
"So wenig wie der bezahlte Fußball in Deutschland unter der Affäre um Christoph Daum gelitten hat, wird dieser Fall der jüdischen Gemeinde schaden." (Andreas Nachama, Geschäftsführender Direktor des NS- Dokumentationszentrums Topographie des Terrors)
"Für Dr. Friedman ist das jetzt ein neuer Anfang, und ich wünsche ihm alles Gute." (Friedmans Anwalt Karl Herold)
"Mein Freund Friedman wird sich von diesem Schlag erholen." (Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Alexander Brenner)
"Das sind Privatangelegenheiten von Michel Friedman. Seine Entscheidung verdient Respekt." (CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer)
"Jeder wird dafür Verständnis haben, dass Frau Schäfer sich erstmal orientieren muss." (Stefan Clausen, PR-Berater von Friedmans Lebensgefährtin Bärbel Schäfer)
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