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Baton Rouge
"Früher trugen Rassisten weiße Kapuzen, heute blaue Uniformen"

Baton Rouge. Zwei Tage vor der Ermordung von fünf Polizisten in Dallas erschoss ein Polizist in Baton Rouge, Louisiana, einen Schwarzen. Von Frank Herrmann

Ob die Todesschüsse von Dallas die Rache für die Tat in Baton Rouge waren, weiß bisher natürlich niemand seriös zu sagen. Bevor sich in der Downtown von Dallas Szenen abspielten, die an einen Bürgerkrieg erinnerten, waren friedliche Demonstranten durch die Straßen gezogen, um gegen Polizeigewalt zu protestieren, gegen die Schüsse, die zwei Afroamerikaner diese Woche das Leben kosteten, Alton Sterling in Baton Rouge und Philando Castile in St. Paul. Ob Kriminelle die Lage ausnutzten oder gar eine Terrorzelle am Werk war: Auf solche Fragen konnte zunächst niemand schlüssige Antworten geben. Sicher ist nur, was Alton Sterling in Baton Rouge widerfuhr, war der Beginn einer Eskalationskette.

Alton Sterling, 37 Jahre alt, fünf Kinder. Ein Mann, der wegen Wohnungseinbrüchen, Diebstahls und Drogenbesitzes wiederholt im Gefängnis saß und der, so erzählt es seine Tante Sandra, bei der er zuletzt wohnte, die schiefe Bahn zu verlassen versuchte. Seinen Lebensunterhalt kratzte er sich zusammen, indem er CDs verkaufte, für fünf Dollar pro Scheibe. Jemand hat sein Konterfei überlebensgroß an die graue Wellblechwand von Triple S gemalt, des kleinen Ladens, vor dem Sterling von den Polizisten Blane Salamoni und Howie Lake getötet wurde. Davor liegen Blumen, Kränze und Papierbögen, auf denen steht, dass "Big Al" in Frieden ruhen möge.

"Ein guter Mann. Er hatte ein schweres Leben, aber er war ein guter Mann", sagt der Afroamerikaner Arthur Reed, den seine Freunde trotz seiner Boxerstatur Silky Slim nennen, den seidenweichen Schlanken. Der Hüne ist pausenlos am Handy, er will Gemüter beruhigen, damit Baton Rouge nicht im Chaos versinkt. Aus der Bande, der er seit seiner Jugend angehörte, ist Reed ausgestiegen, nachdem er einen Autounfall knapp überlebte, der einzige Insasse im Wagen, der mit dem Leben davonkam. 2001 gründete er die Gruppe "Stop the Killing", und die ist inzwischen darauf spezialisiert, kurze Dokumentarfilme zu drehen, mit Hilfe von Videos, die Passanten aufgenommen haben, wenn es irgendwo in Louisiana zu einem Überfall, einer Messerstecherei, einer Schießerei kam und sie Zeugen wurden. Reed zeigt die Filme in Schulen und Kirchen, um schwarzen Teenagern klarzumachen, was es bedeutet, sich einer Drogengang anzuschließen. "Es gibt nur einen Weg - Gottes Weg", steht in Großbuchstaben auf seinem blauen T-Shirt.

Jedenfalls war es Reeds Gruppe, die nacheinander zwei Videos zur Causa Sterling ins Netz stellte. Sie zeigen Beamte, die einen Mann zu Boden warfen, förmlich auf ihm knieten, ihn völlig unter Kontrolle zu haben schienen - bevor sie dann aus nächster Nähe auf ihn schossen. Hinterher zog einer der beiden eine Pistole aus der Hosentasche des tödlich Getroffenen, auch das ist deutlich zu sehen. Sie stimmt also nicht, die zunächst gestreute Version, nach der Sterling die Polizisten mit gezogener Waffe bedrohte. Dennoch hat der zuständige Staatsanwalt in Baton Rouge beide mit den Worten zitiert, sie hätten nach wie vor das Gefühl, richtig gehandelt zu haben. Und damit hat er nur Öl ins Feuer gegossen.

Am Donnerstagabend redet John Bel Edwards, der Gouverneur Louisianas, in einer afroamerikanischen Kirche in Baton Rouge, dem Living Faith Christian Center, und mahnt zur Geduld. Die Justizministerin lasse untersuchen, gründlich, unabhängig und unparteiisch. "Bis das Ergebnis vorliegt, müssen wir uns in Geduld üben. Ich bitte euch, verliert nicht die Geduld." "Das wird doch wieder nichts, die stecken doch alle unter einer Decke", widerspricht Arthur Reed. Früher, fügt er in bitteren Worten hinzu, hätten die Rassisten des Ku-Klux-Klan weiße Kapuzen getragen, heute trügen sie die blauen Uniformen des Police Department.

Quelle: RP
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