| 07.54 Uhr

Analyse
Früher war mehr Zukunft

Fortschritt, Frieden und Vernunft? Optimistische Utopien haben offenbar ausgedient. Stattdessen dominiert wieder die Angst vor dem Weltuntergang. Was tun? Vielleicht sollten wir mehr "Raumschiff Enterprise" schauen. Von Tobias Jochheim

Die Angst vor dem Terror ist hierzulande statistisch betrachtet übergroß, aber sie wird wohl weiter wachsen, der Scheitelpunkt der Angst-Welle ist noch lange nicht erreicht. Mit Macht bricht die echte Welt herein über unsere Insel der Seligen. In Form des Terrors einerseits, dazu aber kommt neuerdings noch etwas anderes. Beim bangen Blick nach Syrien und Nordkorea schleicht sich etwas ein, das uns völlig fremd geworden ist: die Kriegsangst.

Nach Jahrzehnten des Fortschritts stellen sich wieder ganz grundsätzliche Fragen: danach, was Wahrheit ist und was Propaganda, Verschwörungstheorie, Lüge - sowie eben nach Krieg und Frieden. Populisten profitieren davon, sie geben auf komplexe Fragen Antworten, die meist falsch, aber so verlockend einfach sind.

US-Präsident Barack Obama hatte in seinem Wahlkampf 2009 auf "Hope" (Hoffnung) gesetzt, Angela Merkels Botschaft zur Flüchtlingskrise war "Wir schaffen das". Viele hielten das für Naivität, viele aber für inspirierenden Optimismus. Donald Trump sprach 2016 in seiner ersten Pressekonferenz wie nebenbei von einem "nuklearen Holocaust". Zu Weihnachten erläuterte er auch, wie er diesen zu verhindern gedenke: Bis die Welt zur Besinnung komme, müssten die USA ihr eigenes Atomwaffenarsenal "deutlich stärken und ausbauen", sagte der US-Präsident.

Es werden wieder Sündenböcke gesucht und gefunden. Längst gewonnen geglaubte Kämpfe gehen in die nächste Runde - um Gewaltenteilung, Pressefreiheit, Demokratie. Freund-Feind-Denken und Fundamentalismus sind wieder en vogue. Aktuell googlen so viele Menschen "Dritter Weltkrieg" wie zuletzt bei den Terroranschlägen von Paris Ende 2015. Es ist, als wären die 60er Jahre wieder da. Auf die damalige Endzeitstimmung fanden Filmemacher zwei Antworten: 1964 schuf Stanley Kubrick die schwarzhumorige und groteske Atomkriegs-Satire "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben". Das utopische Gegenstück hieß ab 1966 "Star Trek", oder in Deutschland: "Raumschiff Enterprise". Die Frage, in welche dieser Richtungen wir steuern, schien längst beantwortet.

Der pazifistische "Star Trek"-Schöpfer Gene Roddenberry dürfte spätestens da im Grabe rotiert haben. Zuvor war schon sein eigenes Erbe verwässert worden. Die Kino-Trilogie, mit der "Star Trek" zwischen 2009 und 2016 neu aufgelegt worden war, ist ein buntes Action-Spektakel. Vom humanistischen Kern der Idee fanden sich nur noch Spurenelemente. Die erste "Star Trek"-Serie um Captain Kirk und Mister Spock wäre vor einem halben Jahrhundert beinahe eine Totgeburt gewesen, weil zu wenig geschossen wurde und zu viel geredet. Auch die meisten Zuschauer waren von der Philosophiererei im All überrascht und überfordert. Die Quoten waren schlecht - aber sie wurden mit jeder Wiederholung besser. Die Nachfrage führte über die Jahrzehnte zu einem größeren Angebot: ein halbes Dutzend verschiedener "Star Trek"-Serien, dazu Kinofilme, Bücher, Comics. So wuchsen Generationen heran mit Bildern einer Zukunft, die eben nicht Krieg verheißt wie bei "Dr. Seltsam" oder auch "Star Wars", sondern Frieden, Forschung, Fortschritt.

Und in diese Richtung hat sich die Menschheit tatsächlich entwickelt, im Geiste von Kooperation (UN, EU, Wikipedia) und friedlichem Austausch (Welthandel, Internet) ging es in Richtung Gleichstellung, Abrüstung und Umweltfreundlichkeit. Die Aufklärung stand kurz vor dem Sieg.

Heute aber zeigen unsere Errungenschaften viel mehr als bloß Kratzer im Lack. In den sozialen Medien hat sich der Affekt als absoluter Herrscher etabliert. In aller Welt beginnen sich Menschen zu fürchten, dass es zumindest im Westen zu einem Weltkrieg kommt - entzündet im von China protegierten Nordkorea. Und Trump erzählt stolz, dass er gerade erstmals die "Mutter aller Bomben" abwerfen ließ.

In der Realität lebt die deutsche, europäische, westliche Mittelschicht noch in Frieden, fühlt sich aber geschröpft und ohnmächtig, weshalb ihre Wut immer weiter wächst, auf die da oben und die da ganz unten. Realität verkommt zur Glaubensfrage.

Manchmal beschleicht einen das Gefühl, die Menschheit entwickele sich zurück. Im schlimmsten Fall so weit, dass die wichtigsten Politiker der Welt zum Krieg greifen, nicht zuletzt als Mittel der Ablenkung von innenpolitischen Problemen, die sich derzeit häufen. Die USA sind zutiefst gespalten, kaum ruhiger ist es im Iran sowie in Russland, wo die Zivilgesellschaft das harte Vorgehen ihrer Regierungen gegen alle Reformbemühungen nicht mehr widerspruchslos hinnimmt. In China bringt die Kollision von Hyperkapitalismus und Kommunismus extreme Verwerfungen hervor, und Nordkorea lässt Bürger verhungern oder in Konzentrationslagern verschwinden, während Diktator Kim Jong Un vom Atomkrieg träumt. Israel ist umzingelt von aufgeputschten Menschen, die es vernichtet sehen wollen. Der IS provoziert Religionskriege.

Der Optimist Gene Roddenberry würde tröstliche Worte finden: Seiner Ansicht nach ist "Star Trek" deshalb so populär geworden, weil die fiktive Idealversion unserer eigenen Zukunft unser Urvertrauen stärkt. Leicht zu vergessen: Ein "Raumschiff Enterprise" gibt es längst, und es fliegt und fliegt. Seit dem 2. November 2000 leben und arbeiten auf der Internationalen Raumstation ISS Menschen aus Ländern, die sich im Zweiten Weltkrieg gegenübergestanden hatten: Russland, USA und Japan, Frankreich und Deutschland. Das sind mehr als 6000 Tage, 100.000 Erdumkreisungen, vier Millionen Kilometer. Jeder einzelne ein Sieg von Solidarität und Vernunft, Mut und Fortschritt über den archaischen, dummen und verhängnisvollen Drang zum Krieg.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Analyse: Früher war mehr Zukunft


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.