| 20.58 Uhr

Rechte Gewalt in Deutschland
Führt Spur der Döner-Morde nach Düsseldorf und Köln?

Fotos: Bomben-Anschlag in Düsseldorf am S-Bahnhof Wehrhahn
Fotos: Bomben-Anschlag in Düsseldorf am S-Bahnhof Wehrhahn FOTO: Werner Gabriel
Düsseldorf. Nach den Ermittlungen wegen des Mordanschlags auf zwei Polizisten in Heilbronn und den Döner-Morden prüft die NRW-Polizei mögliche Zusammenhänge mit zwei Bombenanschlägen in NRW. Dabei geht es um die Anschläge auf die S-Bahnhaltestelle in Düsseldorf-Wehrhahn im Jahr 2000 und einen Anschlag in Köln.

Bundesanwaltschaft und Kriminalpolizei sind offenbar einer bislang beispiellosen Mordserie mit rechtsextremem Hintergrund auf der Spur: Nach Einschätzung von Ermittlern gehen sowohl die Tötung einer Polizistin in Heilbronn 2007 als auch die sogenannten Döner-Morde, denen in den Jahren 2000 bis 2006 bundesweit neun Menschen zum Opfer gefallen waren, auf das Konto einer rechtsextremistischen Gruppierung. Die Bundesanwaltschaft übernahm am Freitag die Ermittlungen. Auch mögliche Zusammenhänge mit Anschlägen in NRW werden überprüft.

Bei dem Anschlag in Köln im Jahr 2004 mit einer Nagelbombe in der überwiegend von Türken bewohnten Kölner Keupstraße waren 22 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt worden.

Auch ein Zusammenhang mit einem Bombenanschlag an der S-Bahn-Station Düsseldorf-Wehrhahn am  27. Juli 2000 wird Medienberichten zufolge untersucht. Damals war ein in einer Plastiktüte versteckter Sprengsatz am S-Bahnhof an der Ackerstraße in einer Gruppe jüdischer Aussiedler explodiert. Dabei wurden zehn Menschen verletzt, zwei davon lebensgefährlich. Eine Frau verlor ihr ungeborenes Kind.

Rechter Hintergrund konnte nie bewiesen werden

80 Ermittler gehörten zu der ersten Kommission, die sich 2000 mit dem Fall befasste; zwei Jahre später waren es nur noch zwei Beamte, die immer wieder über den Spurenakten saßen und unter den mehr als 1000 Hinweisen den einen suchten, der auf eine heiße Spur führen könnte.

Aber keine der 342 Spuren, denen sie folgten, war je so heiß gewesen, dass am Ende der Täter gestanden hätte. Keine der 1300 befragten Personen hat die Antworten geben können, die die Fahnder brauchten. Schon damals hatte man rechtsradikale Hintergründe der Tat für sehr wahrscheinlich gehalten, doch hatte es nie ein Bekennerschreiben gegeben.

Zusammenhang zwischen Döner-Morden und Heilbronn

Auf den überraschenden Zusammenhang zwischen dem gewaltsamen Tod der Heilbronner Polizistin und der Mordserie an ausländischen Geschäftsleuten stießen die Ermittler bei der Durchsuchung einer Zwickauer Wohnung. Dort fanden Beamte die Pistole der tschechischen Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, mit der die neun Männer erschossen worden waren.

In der Wohnung hatten die beiden Männer gelebt, deren Leichen vor einer Woche in einem ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach gefunden worden waren. Die 34- und 38-Jährigen sollen zuvor eine Bank in Eisenach überfallen haben. Laut Polizei begingen sie Suizid. In dem Wohnmobil lagen auch die Dienstwaffen der getöteten Heilbronner Polizistin und ihres schwer verletzten Kollegen. In Zwickau wurde ebenfalls am 4. November bei einer Detonation das Haus zerstört, in dem die beiden Männer mit der 36 Jahre alten Beate Z. gelebt hatten. Die Frau soll die Explosion ausgelöst haben.

Rechtsextremistische Motivation

Nach den bisherigen Erkenntnissen verfügten die gestorbenen Männer und Beate Z. bereits Ende der 1990er Jahre über Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen. In ihrer Wohnung wurde laut Bundesanwaltschaft auch Beweismaterial sichergestellt, das auf eine rechtsextremistische Motivation der Mordtaten hindeutet.

Gegen Beate Z., die in Untersuchungshaft sitzt, besteht der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord sowie schwerer Brandstiftung. Die Ermittler prüfen auch eine mögliche Verstrickung weiterer Rechtsextremisten in die Taten. Mit den polizeilichen Ermittlungen beauftragte die Bundesanwaltschaft das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen.

Das Trio, das mit den Morden in Verbindung gebracht wird, gehörte zum rechtsextremen "Thüringer Heimatschutz" (THS). Die Gruppe tauchte nach Angaben des thüringischen Innenministeriums 1998 unter, nachdem in Jena ihre Bombenwerkstatt ausgehoben worden war.

"Neue Dimension der Brutalität von Neonazis"

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, sollte sich der Verdacht auf rechtsextremistische Motive für die grausamen Morde bestätigen, wäre dies aus seiner Sicht eine neue Dimension in der Brutalität von Neonazis. Diese Hintergründe müssten so schnell wie möglich und restlos aufgeklärt werden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) zeigte sich über die jüngsten Ermittlungsergebnisse schockiert. Wenn die Hinweise aus Eisenach und Zwickau zuträfen, habe "in Deutschland erstmals eine rechtsextremistische Terrorzelle eine entsetzliche Blutspur hinterlassen", kommentierte der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dapd die "überraschende Entwicklung". Der GdP-Chef sagte, bei dem Gedanken, dass offenbar Terroristen mit Verbindung in rechtsextreme Kreise zehn Menschen kaltblütig umgebracht haben könnten, "stockt einem der Atem".

Die Bundesanwaltschaft wollte am Freitag keine Einschätzung dazu abgeben, ob man nach den neuen Erkenntnissen von organisierten rechtsterroristischen Vereinigungen in Deutschland ausgehen müsse. Ein Sprecher der Behörde betonte, dass es sich momentan um den Anfangsverdacht einer rechtsterroristischen Vereinigung handle. Der Haftbefehl gegen die Beschuldigte Beate Z. sei aber bisher noch nicht erweitert worden. Erst wenn sich der Verdacht erhärte, dass es eine Terrorzelle gegeben habe und Beate Z. an den Morden und Mordversuchen beteiligt gewesen sei, würde die Beschuldigte in Karlsruhe dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden müssen.

Entsetzen und Erleichterung

In Nürnberg, wo drei Männer der Döner-Mordserie zum Opfer gefallen waren, zeigte sich die Polizei entsetzt und zugleich erleichtert über die neuen Ermittlungsergebnisse. "Jeder von uns war elektrisiert, als wir erfuhren, dass die gesuchte Tatwaffe gefunden worden ist", sagte die Leiterin der Polizeipressestelle, Elke Schönwald, auf dapd-Anfrage. Die Ermittler hätten befürchtet, dass der Killer noch einmal zuschlagen könnte. Die Kollegen hätten jahrelang intensiv an der Aufklärung der mysteriösen Mordserie gearbeitet und seien deshalb erleichtert, dass sie möglicherweise vor der Aufklärung stehe. Gleichzeitig seien sie aber entsetzt darüber, dass andere Bluttaten damit in Verbindung stünden.

Erstes Opfer der mysteriösen Morde war im September 2000 ein türkischer Blumenhändler aus dem hessischen Schlüchtern, der an seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg erschossen wurde. 2001 ereignete sich der nächste Anschlag in Nürnberg. Noch im selben Jahr folgten Morde in Hamburg und München. 2004 war Rostock Tatort. Später ereigneten sich Taten in München, Dortmund und Kassel.

(dapd/jre/felt)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Rechte Gewalt in Deutschland: Führt Spur der Döner-Morde nach Düsseldorf und Köln?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.