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Gerhard Ludwig Müller
Glaubenshüter auf Abruf

Gerhard Ludwig Müller: Glaubenshüter auf Abruf
Gerhard Ludwig Müller im Jahr 2014. FOTO: epd
Seit drei Jahren liegt der Konservative Gerhard Ludwig Müller mit Papst Franziskus über Kreuz. Seit Monaten wird im Vatikan über seine Ablösung spekuliert – wie lange kann er sich noch halten? Von Julius Müller-Meiningen, Rom

Gerhard Ludwig Müller lächelt viel. Dabei gibt es viele Leute im Vatikan, die behaupten, dass dem Präfekten der Glaubenskongregation, also dem obersten Glaubenshüter in der katholischen Kirche, derzeit eher weniger zum Lachen zumute ist.

Menschen, die täglich mit ihm zu tun haben, behaupten, Müller habe es in Rom gerade ausgesprochen schwer. Der Grund ist die Kluft zwischen der Agenda des Papstes und den Überzeugungen eines Mannes, der dieses Programm eigentlich mitgestalten sollte. Müller wirkt unter Papst Franziskus aber wie ein Fremdkörper. Seit Monaten wird im Vatikan über seine Ablösung spekuliert.

Enger Vertrauter von Benedikt XVI.

Dass der 68 Jahre alte Kardinal aus Mainz-Finthen und der 79-jährige Papst aus Buenos Aires nicht zusammenpassen, ist schon länger evident. Eine Abberufung Müllers kurz nach Amtsantritt hätte noch wie ein Affront gegen Benedikt XVI. gewirkt, der den Bischof von Regensburg wenige Monate vor seinem Rücktritt zum Chef der Glaubenskongregation berief, als Garanten theologischer Kontinuität. Spätestens im April 2016 verstanden aber auch Freunde Müllers, dass ein Wechsel überfällig sein könnte.

Damals wurde das nachsynodale Schreiben "Amoris Laetitia" ("Freude der Liebe") präsentiert, die Antwort des Papstes auf die Diskussionen bei den Bischofssynoden von 2014 und 2015 zum Thema Familie. Nicht etwa Müller, qua Amt der Mann für den Vortrag, trug den Inhalt vor, sondern Wiens Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn.

Der Termin wirkte wie eine inoffizielle Wachablösung. Angesichts des Inhalts des Schreibens wäre es allerdings auch undenkbar gewesen, dass Müller die Schlüsse des Papstes der Öffentlichkeit vortrug. Der Papst positioniert sich in "Amoris Laetitia" deutlich im Hinblick auf das umstrittenste katholische Thema der vergangenen Jahre, die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten. De facto lässt er den Gläubigen weitgehend freie Hand.

Müller bekommt den Papst nicht zu greifen

Müller hingegen kämpfte jahrelang für die bisher geltende Regelung, dass die Wiederverheirateten nur bei sexueller Enthaltsamkeit zur Kommunion zugelassen sind. In seinen Augen und nach Ansicht vieler Traditionalisten wäre sonst das Gebot der Unauflöslichkeit der Ehe aufgehoben. Mit "Amoris Laetitia" wurde endgültig sichtbar, dass Franziskus und sein Präfekt theologisch nicht auf einer Wellenlängen liegen.

Hört man sich im Vatikan um, klingt es so, als sei die Ablösung Müllers zwar noch keine Tatsache, aber zumindest eine logische und wünschenswerte Maßnahme. Welchen Sinn hat ein Präfekt der Glaubenskongregation, der in der entscheidenden theologischen Frage eine andere Meinung als der Papst vertritt? Im Umfeld des Papstes gilt Müller seit jeher als engstirniger und gänzlich unbarmherziger Gesetzeshüter, der so gar nicht zum Programm des Pontifikats passt. Müller bekommt den Papst nicht zu greifen.

Zwar begegnen sich die beiden Männer zu Routinebesprechungen; die Glaubenskongregation wurde zuletzt aber nicht mehr in die Ausarbeitung der wichtigsten Schriften einbezogen. Sogar einflussreiche konservative Kommentatoren wie der Vatikan-Journalist Sandro Magister behaupten deshalb schon länger, Müller zähle unter Franziskus "nichts mehr".

"Ich weiß tausendmal besser, wer der Papst ist und was der Primat bedeutet"

Auch Müller hat seinen Teil zur Eskalation beigetragen. Im März 2015 stellte er in einem Interview mit der französischen Zeitung "La Croix" fest, die Aufgabe seiner Behörde sei es, insbesondere ein pastoral geprägtes Pontifikat wie das gegenwärtige "theologisch zu strukturieren". Es hörte sich an, als habe Franziskus theologische Nachhilfe nötig. Zum öffentlichen Schlagabtausch setzte nicht der Papst selbst, sondern Víctor Manuel Fernández an, Rektor der katholischen Universität von Buenos Aires und Mitverfasser der wichtigsten Schriften von Franziskus. Er warf Müller vor, Franziskus wie eine Marionette zu behandeln. Im Gegenzug brandmarkte Müller Gedankenspiele von Fernández zur Dezentralisierung der Kurie als "häretisch".

Zu guter Letzt setzte Müller auch noch seine Unterschrift unter einen ominösen Protestbrief 13 konservativer Kardinäle bei der vergangenen Synode. Die Eminenzen trugen dem Papst darin ihre Sorge über ein abgekartetes Spiel im Hinblick auf den Ausgang der Beratungen vor; der Brief konnte auch als Misstrauensvotum ausgelegt werden. Prompt wies Franziskus die "konspirative Hermeneutik" der Kritiker zurück.

Müller wurde mehrmals als Gegner oder gar Feind des Papstes bezeichnet. Doch diese Kategorien treffen nicht den Kern, sie verletzten Müller sogar persönlich. Denn aus seiner Perspektive kämpft er im Namen von Tradition und Wahrheit einen gerechten Kampf gegen diejenigen, die den aus seiner Sicht theologisch unbedarften Papst in die falsche Richtung lotsen. "Ich weiß tausendmal besser, wer der Papst ist und was der Primat bedeutet", schimpfte er in der heißen Phase der zweiten Synode über seine Kritiker. Es wirkte so, als habe die Rolle des "Bad guy" im Schatten des Medien-Lieblings Franziskus tiefe Spuren hinterlassen.

Quelle: RP
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