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Düsseldorf
Copilot litt an Augenkrankheit

Ermittlungen im Fall Andreas L.
Ermittlungen im Fall Andreas L. FOTO: Federico Gambarini
Düsseldorf. Die Krankenakte des Mannes, der als Copilot der Germanwings-Maschine 150 Menschen in den Tod flog, ist umfangreicher als bisher bekannt. Neben Depressionen litt er wohl auch an Sehstörungen. Von R. Kowalewsky, B. Marschall und U.-J. Ruhnau

Der Copilot des abgestürzten Germanwings-Fluges 4U 9525, Andreas L., ist wegen einer Augenerkrankung im Universitätsklinikum Düsseldorf untersucht worden. Er soll angeblich unter Sehstörungen gelitten haben. Dem 27-Jährigen drohte nach Informationen unserer Zeitung aus unterrichteten Kreisen allerdings keine Netzhautablösung, wie vielfach in den Medien spekuliert wurde. Ob die Erkrankung auch die Flugtauglichkeit bis hin zur Berufsunfähigkeit eingeschränkt hätte, ist offen. L. hatte am Dienstag nach Informationen der französischen Staatsanwaltschaft absichtlich eine Germanwings-Maschine von Barcelona nach Düsseldorf über den französischen Alpen zum Absturz gebracht. 150 Menschen, darunter 75 Deutsche, starben bei dem Unglück.

Auf jeden Fall steht fest, dass der Todespilot nicht nur mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Er hat sich im Februar 2015 und zuletzt am 10. März als Patient in der Universitätsklinik aufgehalten. Es ging um Diagnose, nicht die Behandlungen einer Krankheit.

In einer Erklärung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft vom Freitag war von Hinweisen auf eine "bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen" die Rede. Das Attest eines Arztes, der ihn am Flugtag krankgeschrieben hatte, reichte der Flugzeugführer nicht bei seinem Arbeitgeber ein. Bei der Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung von Andreas L. wurden nach mehreren Medienberichten Medikamente zur Behandlung einer psychischen Erkrankung sichergestellt. Auch persönliche Aufzeichnungen seien gefunden worden, in denen der Pilot psychische Probleme geschildert habe.

Die Düsseldorfer Polizei bildete unter dem Namen "Alpen" eine Sonderkommission mit zeitweise mehr als 200 Mitarbeitern; derzeit sind es noch gut 100. "Es ist sicher einer unserer größten Ermittlungseinsätze seit Jahrzehnten", sagt ein Pressesprecher, "die Kollegen sind extrem gefordert."

Die Kommission ermittelt nicht nur die Lebensumstände von Andreas L, sondern lässt in ganz Deutschland Indizien sammeln, um die getöteten 75 deutschen Opfer zu identifizieren. Die Polizisten arbeiten meistens mit Seelsorgern oder Psychologen zusammen, um nach persönlichen Erkennungszeichen wie Tätowierungen oder Zahnersatz zu fragen und in Haarbürsten oder anderswo nach genetischen Spuren zu suchen. Von 78 Opfern haben die französischen Helfer bis gestern Abend bereits die DNA sichern können.

Die deutschen Ermittler sind offenbar nicht ganz mit der Kommunikation der französischen Behörden einverstanden. "Wir hätten uns nie getraut, den Copiloten namentlich öffentlich als bewussten Verursacher der Katastrophe zu benennen, obwohl die Ermittlungen noch nicht beendet sind", meinte ein Ermittler.

Politiker fordern jetzt eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht für sensible Berufe. "Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von ihrer Schweigepflicht entbunden sein", sagte der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer. Der Düsseldorfer Abgeordnete Thomas Jarzombek (CDU) schlug eine Expertenkommission vor, die klären müsse, wie mit ärztlichen Diagnosen bei Menschen in besonders verantwortungsvollen Berufen wie Piloten umzugehen sei.

Quelle: RP
 
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