| 06.16 Uhr

Mit Verlaub!
Gnade für Guttenberg

Der Doktor-Arbeit-Schwindler hat das gleiche Recht auf politische Wiederverwendung, das anderen berühmten Sündern und sogar einem Körperverletzer zugebilligt wurde. Von Reinhold Michels

Was meinen Sie: Sind sechs Jahre freiwilliges Exil samt öffentlicher bezeugter Schuld genug an Bußfertigkeit für einen begabten Politiker, der 2011 der groben Schwindelei überführt wurde, einen Schaden jedoch allein sich selbst zugefügt hatte? Wenn Sie die Frage, wie ich es tue, mit Ja beantworten, werden Sie es akzeptieren oder begrüßen, dass Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) so planvoll wie sachte seinen Wiedereinstieg in die deutsche politische Erdatmosphäre betreibt.

Wie man aus Guttenbergs bayerischer Heimat und politischen Familie hört, sind sehr viele froh darüber, dass der "verlorene Sohn" offenbar auf Betreiben von CSU-Chef Horst Seehofer im Wahljahr dem konservativen Lager helfen will, dem Fahrt aufnehmenden rot-rot-grünen Dreimaster "Martin" Wind aus den Segeln zu nehmen. Dabei fällt auf, dass der neue Kapitän des Dreimasters sich wie selbstverständlich zu seinem um ein Haar gescheiterten Lebenslauf bekennt, dass er sogar bei den anschwellenden Schulz-Festivals mit seiner zweiten Chance kokettiert. Warum auch nicht?

Guttenberg zeigte sich zuletzt demütig

Wir Menschen sind bekanntlich aus krummem Holz, der gerade Weg ohne Fehl und Tadel gelingt womöglich nicht einmal dem frömmsten Klosterbruder. Deshalb wäre es gnadenlos, von Guttenberg Politabstinenz auf Lebenszeit zu verlangen für eine Tat wider die saubere Wissenschaft. Der reuige Sünder hat mehrfach, zuletzt gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" bekannt, dass sein Rücktritt als Bundesminister und Bundestagsabgeordneter begründet gewesen und er mit diesem Rücktritt lausig umgegangen sei.

Ich frage mich: Sind diejenigen, die Guttenberg zum Teufel wünschen, gegenüber Joschka Fischers Jungerwachsenen-Kriminalität als Frankfurter Wutbürger ebenso unnachsichtig gewesen, als im "Stern" Fotos von dem Polizisten-Prügler auftauchten, der es zum Vizekanzler und Außenminister schaffte? Oder: Wer erinnert sich an die Schwindeleien mit dienstlich erworbenen, aber privat genutzten Flug-Bonusmeilen von Cem Özdemir und Gregor Gysi? Beide haben eine Zeit lang ihre Köpfe gesenkt, dann hieß es "Entschuldigung angenommen".

Guttenberg war zwischen 2009 und 2011 in zwei Ressorts der jüngste Bundesminister; als Bundestagsabgeordneter erzielte er Erststimmen-Ergebnisse im 60 plus x-Prozent-Bereich. Er ist redegewandt, kommunikationsstark, liberal-konservativ. Die Unionsparteien wären nach einem berühmten Wortpaar Helmut Kohls "dumm und töricht", wollten sie dauerhaft auf einen wie Guttenberg verzichten.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mit Verlaub!: Gnade für Guttenberg


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.