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Jerusalem
Großbrände wüten in Israel

Jerusalem. Israelis und Palästinenser beschuldigen sich gegenseitig der Brandstiftung. Die Löscharbeiten kommen nur langsam voran. Von Susanne Knaul

"Im Moment konzentrieren sich die Löscharbeiten auf Beit Meir", sagt die Frau vom Notruf, "für Messilat Zion besteht akut keine Gefahr." Trotz geschlossener Fenster riecht es nach Rauch in der Wohnung. Seit Tagen wüten heftige Brände zu beiden Seiten der Autobahn, die von Jerusalem Richtung Tel Aviv führt. Alle paar Stunden meldet die Polizei, das Feuer landesweit unter Kontrolle zu haben, und alle paar Stunden kommt die Nachricht neuer Brandherde und Evakuierungen. Allein in Haifa mussten über 60.000 Menschen vorübergehend ihre Wohnungen verlassen, rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Die Taschen mit Pässen und Familienalben stehen bereit. So dringend wie nie zuvor wünschen sich die Leute Regen. Bis nächsten Mittwoch, so prophezeien die Meteorologen, bleibe der Himmel wolkenlos.

Die Serie von riesigen Feuern wird zu einem Politikum zwischen Israelis und Palästinensern. Israelische Medien sprechen bereits von einer "Feuer-Intifada" der Palästinenser, also Widerstand durch Brandstiftung. Deren Vertreter weisen solche Anschuldigungen zurück. Die Polizei habe zwölf Männer als Verdächtige festgenommen, teilte gestern ein Sprecher mit. Die Polizei geht davon aus, dass "in vielen Fällen nationalistisch motivierte Brandstiftungen" vorliegen, wie Polizeichef Roni Alscheisch erklärte. Bildungsminister Naftali Bennett, Chef der Siedlerpartei "Das jüdische Haus", twitterte, dass "nur jemand, dem das Land nicht gehört, in der Lage ist, es anzuzünden". Dagegen warnte der Oppositionspolitiker Jussef Dschabarin: "Diese Anschuldigungen sind arrogant und unverantwortlich." Es seien auch arabische Gebiete betroffen gewesen. "Und das Feuer in Haifa unterscheidet auch nicht zwischen Juden und Arabern."

Mit Bedauern reagierte Ayman Udeh, Chef der arabisch-antizionistischen Fraktion Vereinte Liste, darauf, dass einige Politiker die Lage zur Hetze gegen ganze Bevölkerungsgruppen missbrauchten. "Wer unser Heimatland liebt", so Odeh, "der konzentriert sich jetzt darauf, das Feuer zu löschen und den Verwundeten zu helfen, anstatt Hass zu säen." Regierungschef Benjamin Netanjahu drohte jedem, "der versucht, Teile des Staates Israel zu verbrennen", mit harten Strafen. Schnelle Hilfe kam ausgerechnet von den Palästinensern, die mit vier Löscheinheiten auch in Beit Meir im Einsatz sind. Die Hauptsorge ist, dass das Feuer auf eine nahegelegene Tankstelle übergreift oder auf das Chlorlager der staatlichen Wasserbehörde Mekorot. Die Solidarität ist groß. Italien, Kroatien, Griechenland, die Türkei, Zypern und Russland helfen Israel. Die Nachbarländer Jordanien und Ägypten halten sich beim Kampf gegen die Brände hingegen zurück. In den sozialen Netzwerken wird Israels Not bisweilen hämisch auf Arabisch kommentiert. "Israel is burning", so lautet ein Hashtag: "Israel brennt."

Ein Vertreter der Hamas im Gazastreifen zog eine Verbindung zwischen den Bränden und dem aktuell in Israel diskutierten Gesetzentwurf, der es den Muezzin verbieten würde, Muslime über Lautsprecher zum Gebet zu rufen. Je länger die Katastrophe dauert, desto lauter meldet sich Kritik in Israel gegen den Regierungschef, der seit dem letzten Großbrand sechs Jahre Zeit hatte, um sich auf die nächste Katastrophe vorzubereiten und zu wenig unternahm.

Der Karikaturist der liberalen Zeitung "Haaretz" zeichnet Netanjahu vor lodernden Flammen: "Ruf Schimron an, damit er uns einen Supertanker vermittelt." David Schimron ist Netanjahus persönlicher Anwalt. Er soll sich mit Netanjahus Hilfe an dem Kauf von drei U-Booten aus Deutschland bereichert haben.

Quelle: RP
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