Schwerer Zwischenfall in Münster: Haftbefehle nach rechtsextremen Übergriffen
zuletzt aktualisiert: 27.08.2000 - 20:00Hamburg/Berlin (dpa). In Deutschland hat es am Wochenende erneut zahlreiche rechtsextreme und fremdenfeindliche Zwischenfälle gegeben. Ein Schwerpunkt war erneut der Osten. Dort musste die Polizei in allen fünf neuen Ländern ermitteln, weil Ausländer geschlagen und beleidigt, Gedenkstätten und Gräber geschändet sowie Nazi- Propagandamaterialien verteilt wurden. Zudem löste die Polizei in den alten wie den neuen Bundesländern sowie in der Niederlanden Versammlungen von Neonazis auf.
Einen schwerwiegenden Zwischenfall gab es im westfälischen Münster. Drei Skinheads hetzten zwei Afrikaner auf offener Straße. Deutsche Passanten und Anwohner bereiteten der Menschenjagd am Samstagabend durch ihr Eingreifen schließlich ein Ende. Drei stark alkoholisierte Männer im Alter von 19, 29 und 41 Jahren wurden festnehmen, die beiden älteren kamen in Untersuchungshaft.
Im thüringischen Bad Langensalza wurde gegen drei junge Rechtsradikale Haftbefehl erlassen, weil sie in der Nacht auf Samstag vier Aussiedler aus Russland durch die Stadt jagten. Nachdem sich die 20 bis 27 Jahre alten Männer in einen Hausflur retten konnten, versuchten die Verfolger die Haustür mit einem Gullydeckel aufzubrechen.
In der Nähe des Bahnhofs im sächsischen Borna griffen etwa zehn Jugendliche zwei Asylbewerber aus Libyen an und bewarfen sie mit Bierflaschen. Die Libyer mussten ärztlich behandelt werden. Gegen die Angreifer konnten fliehen.
Im brandenburgischen Rathenow wurde ein aus Indien stammender britischer Journalist von einem 21 Jahre alten Mann im Gesicht verletzt. Nach den Ermittlungen der Polizei hatte der Täter den Briten und drei andere Ausländer als "Neger" beschimpft. Bereits zum sechsten Mal wurde der Gedenkstein des algerischen Asylbewerbers Omar Ben Noui in Guben (Brandenburg) geschändet. Er war im Februar 1999 auf der Flucht vor Rechtsextremisten tödlich verunglückt.
In Mecklenburg-Vorpommern wurden am Wochenende Gedenkstätten und Gräber geschändet sowie Hakenkreuze auf Autohauben geritzt. Unbekannte hatten in der Nacht auf Sonntag eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Wöbbelin mit rechten Hetzparolen wie "Sieg Heil" und "Deutschland erwache" beschmiert. Auf einem jüdischen Friedhof in Güstrow warfen Unbekannte am Samstag fünf Grabsteine um. In Rostock und Kritzmow fand die Polizei insgesamt über 700 Handzettel, die für den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß warben.
Begleitet von einem Großaufgebot der Polizei zogen am Samstag etwa 50 Neonazis zwei Stunden lang durch die Innenstadt von Halle. Etwa 100 linksgerichtete Jugendliche riefen in Sprechchören "Nazi raus". Im sächsischen Radeberg löste die Polizei eine nicht genehmigte Veranstaltung mit etwa 100 Jugendlichen aus der rechten Szene auf. In Magdeburg nahm die Polizei am Samstag einen 20-jährigen Rechtsextremen vorläufig fest, der betrunken rechte Parolen gerufen und den Hitler-Gruß gezeigt hatte.
Nahe Finsterwalde im Land Brandenburg ging die Polizei gegen eine Ansammlung von rechtsorientierten Personen vor. Diese hatten sich zu einem Skinhead-Konzert getroffen, das aber nicht stattfand. Die Polizei nahm unter anderem drei Anzeigen wegen Tragens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen auf.
In der südholländischen Stadt Echt verhinderte die Polizei am Samstag eine Gedenkkundgebung von etwa 50 Rechtsextremisten aus Deutschland und den Niederlanden anlässlich des Heß-Todestages. In Osnabrück verhinderten Sicherheitskräfte ein Treffen von etwa 100 Anhängern der rechtsextremen Szene. Auf der Walhalla bei Donaustauf (Bayern) ging die Polizei gegen eine Gruppe von über 30 Skinheads vor, die aus Baden-Württemberg angereist waren.
An einem Protestzug gegen rechte Gewalt und Ausländerfeindlichkeit beteiligten sich am Samstag in Jena rund 500 Menschen. Zunächst hatte die Polizei die Teilnehmerzahl mit 800 angegeben. Im Berliner Europa- Center startete ein Unterschriftenmarathon gegen Rechts. Bis zum 2. September können Einheimische und Touristen auf einer "Endlos-Rolle" mit ihren Unterschriften Stellung beziehen, sagte ein Sprecher der Initiative "Berlin zeigt sich".
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