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Bogota/Santiago
Hannelore Kraft auf schwierigem Terrain

Bogota/Santiago. Die NRW-Ministerpräsidentin reist mit Unternehmern eine Woche lang durch Chile und Kolumbien. Sie ringt mitunter um den richtigen Ton. Von Kirsten Bialdiga

Hannelore Kraft sitzt in der ersten Reihe und stellt Fragen. Eine nach der anderen, sie hört gar nicht mehr auf damit. Vor ihr steht ein junger Start-up-Unternehmer, ein Deutscher, der zusammen mit drei Freunden in Santiago de Chile übers Internet Fernbustickets verkauft. Was er erzählt, klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Eine jener Gründer-Storys, mit denen sich im Moment jeder Politiker schmücken will. Die NRW-Ministerpräsidentin ist fasziniert vom Elan des jungen Mannes, der in etwa so alt ist wie ihr eigener Sohn. Wie er an seine Geldgeber gekommen sei, ob er in Chile bleiben wolle, was seine Eltern beruflich machen, wann er aussteigen und verkaufen wolle? Es fällt ihr leicht, die gleiche Ebene herzustellen, in die Jugendsprache einzusteigen. Hier ist sie die Ministerpräsidentin zum Anfassen.

Eine Woche lang reist die Landeschefin durch Chile und Kolumbien. Begleitet wird sie von NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) und einer rund 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation. Mittelständische Unternehmer sind dabei, Professoren, aber auch Manager von Konzernen wie Steag, Aurubis oder Thyssenkrupp. Die Ministerpräsidentin will in Südamerika für die NRW-Wirtschaft Kontakte knüpfen, Geschäfte anbahnen. In Ländern wie Chile und Kolumbien, in denen die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß ist und Konflikte häufig mit Gewalt gelöst werden, ist eine solche Reise zugleich eine hochsensible Mission, die einem Politiker einiges an diplomatischem Geschick abverlangt. Kein leichtes Terrain für eine Ministerpräsidentin aus Nordrhein-Westfalen.

Die Herausforderung wird gleich an Tag eins der Reise spürbar. Hannelore Kraft ist zu einem Treffen mit der chilenischen Senatorin Isabel Allende verabredet, die zwar denselben Namen wie die berühmte Schriftstellerin trägt, aber nur mit ihr verwandt ist. Diese Isabel Allende ist die Tochter von Präsident Salvador Allende, der 1973 bei einem Putsch ums Leben kam. Sie floh damals mit ihrer Mutter und lebte während der Zeit der grausamen Pinochet-Militärdiktatur im Exil in Kuba und Mexiko. Heute ist die 70-jährige Senatorin die Vorsitzende der Sozialistischen Partei in Chile.

Allende empfängt Kraft in ihrem Elternhaus in Santiago, einem unscheinbaren Bungalow, der von den hohen Häusern, die ihn umgeben, schier erdrückt wird. Auf dem Kaminsims stehen Fotorahmen mit Bildern der Eltern, es wird Tee und Kaffee aus silbernen Kannen gereicht. Trotz der bescheidenen Räumlichkeit herrscht eine gediegene Atmosphäre. Isabel Allende und Hannelore Kraft tauschen Freundlichkeiten und Geschenke. Die Chilenin strahlt die Sicherheit jener aus, die in ihrem Leben schon viel durchgestanden haben.

Kraft, das einstige Mädchen aus kleinen Verhältnissen in Mülheim an der Ruhr, trifft hier auf eine Dame, die zeit ihres Lebens der politischen Elite angehörte. Die Ministerpräsidentin wählt die Flucht nach vorn. "Mich fasziniert, wenn man so aufwächst wie Sie", sagt Kraft und klingt dabei ungewohnt leise. Allende habe den Tod ihres Vaters und einiger anderer Angehöriger erlebt - und dennoch betreibe sie das politische Geschäft mit so viel Verve. "Ich bin dankbar, dass ich Sie kennenlernen durfte."

Weitaus sensiblere Gespräche erwarten die Ministerpräsidentin in Kolumbien. Das Land im Norden Südamerikas ist zerrüttet von einem Bürgerkrieg, der seit fast sieben Jahrzehnten tobt und mindestens 200.000 Todesopfer forderte. Jetzt gibt es zum ersten Mal eine realistische Chance auf einen Frieden mit den Farc-Rebellen, Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos ist der Hoffnungsträger. Lange lässt Santos sich bitten, dann stimmt er doch ganz kurzfristig einem Termin mit Kraft zu.

Fast eine Stunde nimmt sich Santos schließlich Zeit für den Besuch aus Deutschland. Die SPD-Politikerin wirkt befreit, als sie nach dem Gespräch in einem Innenhof des Präsidentenpalastes vor die Presse tritt. Allein, ohne den kolumbianischen Staatspräsidenten - ein gemeinsamer Auftritt wäre dann doch zu viel der Ehre. Gern habe Santos Zusagen gemacht, die Zusammenarbeit zwischen Kolumbien und Nordrhein-Westfalen zu stärken, ja, sie sogar mit Steuererleichterungen für mittelständische Unternehmen zu fördern, sagt Kraft.

Nicht immer gelingt es der Ministerpräsidentin auf dieser Reise so leicht, den passenden Ton zu treffen. Bei einer Panel-Diskussion verlässt sie dann doch zeitweilig ihr Gespür für Menschen. Und das ausgerechnet beim Thema Kohle. In Kolumbien findet der Abbau zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen statt. Als die Fragerunde eröffnet ist, meldet sich Kraft zu Wort. Doch auf die gerade gehörten eindrücklichen Schilderungen von Gewerkschaftern und Menschenrechtsaktivisten geht sie mit keinem Wort ein. Stattdessen sagt sie: "Ich kann das nicht bewerten, die Menschenrechtsfragen müssen vor allem hier vor Ort geklärt werden" - und beginnt ohne Umschweife damit, Werbung für Bergbau-Technologie zu machen.

Und wie bewerten Unternehmer auf der anderen Seite die Bemühungen der Deutschen? Claudio Munoz, Vorstandschef des größten chilenischen Telefon-Konzerns Telefonica, bleibt vage: "Wir können uns eine engere Zusammenarbeit vorstellen, etwa mit Deutschland."

Quelle: RP
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