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Deutscher Dreisterne-General
"Ich bin froh, dass ich in Afghanistan bleiben kann"

Deutscher Dreisterne-General: "Ich bin froh, dass ich in Afghanistan bleiben kann"
Generalleutnant Carsten Jacobson (59), der stellvertretende Befehlshaber der internationalen Schutztruppe Isaf, stellt sich in Kabul den Medien. FOTO: MAITRE (OR-7)VALVERDE CHRISTIAN
Kabul. Nach Ende des Nato-Kampfeinsatzes im Dezember bleiben von einst mehr als 5000 noch bis zu 850 deutsche Soldaten als Ausbilder in Afghanistan. Der deutsche Generalleutnant Carsten Jacobson, Vize-Chef der internationalen Schutztruppe Isaf, widerspricht im Interview mit unserer Redaktion den kursierenden Hiobsbotschaften vom Hindukusch. Von Helmut Michelis

Bis Ende Dezember zieht die Nato alle Kampftruppen aus Afghanistan ab. Im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit endet damit die gesamte Mission, obwohl noch bis zu 850 Bundeswehrsoldaten als Ausbilder im Land bleiben werden – wird das ein "vergessener Einsatz"?

Jacobson Es mag sich für den Außenstehenden seltsam anhören – aber ich bin froh, dass ich Afghanistan nicht im Dezember verlassen muss. Es gibt viel zu tun.

Es klingt aber doch so, als gerate das Land zunehmend außer Kontrolle und falle schnell wieder in die Hände der radikal-islamischen Taliban, wenn sich die Nato zurückzieht.

Jacobson Die Nato zieht sich überhaupt nicht zurück. Das Bündnis und die Partnernationen übernehmen lediglich einen seit 2010 geplanten neuen Unterstützungsauftrag. Er konzentriert sich auf Führungskräfte und Durchhaltefähigkeit der afghanischen Sicherheitskräfte und ist gestützt auf den Wunsch der neuen Regierung in Kabul. Und die Insurgenz hat gar nichts gewonnen – sie hat lediglich ihre Ziele nicht erreicht, und zwar in dem Jahr, in dem die Chance dazu vermutlich am größten war.

Man liest aber doch immer noch von Selbstmordattentaten?

Jacobson Einzelne spektakuläre Aktionen täuschen darüber hinweg, dass die Aufständischen die Schwächephase zum Ende der Regierungszeit Karsai nicht nutzen konnten. Die Afghanen sind trotz aller Drohungen mutig zur Wahl gegangen. Die Aufständischen dagegen haben keine Distrikte oder gar Provinzen erobern können, noch nicht einmal einzelne Regierungsgebäude für mehr als kurze Perioden. Mit ihren Sprengfallen und Angriffen auf Außenposten haben sie fast nur noch Afghanen getroffen, Zivilisten und Sicherheitskräfte, leider viel zu viele. Sie haben damit aber auch ihr Ziel offengelegt: Es geht eben nicht darum, die Ungläubigen aus dem Land zu jagen. Es ist ein Kampf um die Macht und die Wiedererrichtung einer Regierungsform, die weder wir noch die Afghanen wollen oder dulden können.

Ähnlich wie die Terrormiliz IS in Syrien und dem Irak?

Jacobson Ja, da gibt es Parallelen. Und es mag ja sein, dass des Einen Terrorist des Anderen Freiheitskämpfer ist – aber diese Mörder kämpfen für niemandes Freiheit. Sie kämpfen gegen Bildung, gegen Frauenrechte, gegen die Zukunft, weil sie in der Vergangenheit leben. Sie kämpfen sogar gegen die Schluckimpfung vor Kinderlähmung. Leider scheint das außerhalb Afghanistans nicht so klar zu sein. Aber lassen Sie mich ergänzen: Afghanistan ist nicht der Irak, die Sicherheitskräfte haben den eigentlichen Kampf schon lange von uns übernommen. Die Jahreszeit der Kämpfe, die ,Fighting Season', neigt sich dem Ende zu; bald wird sich Schnee auf den Hindukusch legen. Die Taliban haben kein einziges ihrer erklärten Ziele für 2014 erreichen können. Bei rasch abnehmendem Umfang der internationalen Streitmacht haben sich die Afghanen gut geschlagen, und zwar bereits heute weitestgehend auf sich allein gestellt.

Sehen Sie das nicht etwas zu positiv?

Jacobson Nein, keineswegs. Die Schwarzmaler kommen nicht richtig weiter. Es gibt hier keine Hunderte von Toten, keine Geköpften, keine IS-Flaggen in diesem Land, das fremde, nicht eingeladene Kämpfer sowieso nicht mag. Stattdessen geht die Gewalt kontinuierlich zurück. Und auch, wenn wir im Einsatz sind und eigentlich täglich irgendwo in Afghanistan irgend etwas Trauriges passiert – es gibt tatsächlich Grund zum Optimismus nach dem langen politischen Ringen, wer denn nun der neue Präsident wird. Das hat uns in den letzten Wochen an Grenzen getrieben hat. Es hat sehr viel auf dem Spiel gestanden, für dieses Land und seine Menschen, für uns Soldaten, aber auch für die Welt. Das Gespenst des Bürgerkrieges war sehr real. Es ist bemerkenswert, dass es den Taliban nicht gelungen ist, in dieser Phase großer Unsicherheit irgendetwas zu tun, um das Feuer zu entzünden. Ein Funke hätte genügt.

Ist dieser interne Machtkampf jetzt wirklich beendet?

Jacobson Alles hing von der Unterschrift unter das Stationierungsabkommen für uns ausländische Soldaten ab, die der alte Präsident Hamid Karsai so lange verweigert hat. Und so war es in diesem Saal im Palast, in dem die afghanischen Regierungsmitglieder, die Botschafter und wir saßen und in dem unterschrieben wurde, als hätte jemand in einem verrauchten Zimmer ein großes Fenster aufgemacht. Machthaber, Machtvertreter, Geldgeber, Geldnehmer – alle waren glücklich und gratulierten sich. Im Garten, bei der traditionellen Tasse Tee, hat mir der Wirtschaftsminister gesagt: "Heute nacht können Millionen Afghanen ruhiger schlafen als in den letzten Monaten.”

Trotzdem bleibt es doch weiter gefährlich – ein Stichwort ist "Innentäter", also afghanische Soldaten oder Polizisten, die plötzlich Nato-Soldaten angreifen. Im August ist sogar ein amerikanischer General, Harold Greene, bei einem Besuch der Offizierschule in Kabul hinterrücks erschossen worden.

Jacobson Ich habe in meinem Leben schon oft Gefallene verabschiedet. Es trifft einen jedes Mal, wenn ein in Nationalflaggen gehüllter Sarg in ein Flugzeug getragen wird. Und ich habe oft mit bei den Verwandten gestanden, als gefallene Kameraden aus Kundus und Baghlan heimkehrten. Ich hatte Mütter, Ehefrauen und Brüder in meinen Armen. Leise Worte des Trostes, kein einziges Mal trommelnde Fäuste an meiner Brust. Man mag den Kameraden nicht gekannt haben, aber er war Teil dieser großen, stolzen Familie, der ich nun seit 40 Jahren angehöre, und die alle Schranken von Nationalitäten und Sprachen überspannt. Harry aber war ein Freund, und das macht es noch etwas schwieriger. Nachdem ich die Verwundeten des Attentats in Bagram besucht hatte, war da der persönliche Abschied am Sarg in diesem Flugzeug. Man steht in der großen Menge und ist doch ganz allein.

Macht Ihnen das Angst?

Jacobson Natürlich macht das Angst. Aber wenn man mutig sein will, braucht man die Angst. Und Mut braucht man, um gegen den Terror und für die Freiheit zu stehen, jeden Tag. Der Auftrag geht weiter, und er birgt sicher auch Gefahren. Wir werden weniger, zum Teil sogar sehr Wenige. Wir bleiben Ziel, und wir sind lohnende Ziele. Nicht jeder hier ist dankbar für das, was wir tun, und auch in den letzten Wochen war immer zuerst die internationale Gemeinschaft schuld, wenn wieder einmal etwas schiefging. Die Waffen sitzen locker, und es sind viele Waffen im Land.

Wie, glauben Sie, geht es weiter?

Jacobson Für uns ist die größte Herausforderung, dass unsere Nationen nicht das Interesse an Afghanistan verlieren, und zwar auf der Zielgeraden. Es war wahrscheinlich der bisher größte strategische Fehler des Westens, das Land alleine zu lassen, als die Sowjets abzogen. Wir haben dafür zu Hause in den Folgejahren einen hohen Preis bezahlt, an den Preis, den die Afghanen bezahlt haben, will ich gar nicht denken. Afghanistan hat sich weiter bewegt, und es bleibt es weiter wert, sich dafür zu engagieren, schon wegen der Menschen hier.

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