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Paris
"Ich wollte mich nicht einsperren lassen"

Paris. Judith Perrignon (48) ist eine in ihrer Heimat bekannte französische Journalistin und Schriftstellerin, die in diesem Jahr mit dem renommierten Literaturpreis "Prix des Lycéens" ausgezeichnet wurde. Vor allem aber ist sie Pariserin, "links, säkular, ein Hauch Bohème", wie sie selber sagt. Genauso wie viele ihrer Freunde und Nachbarn, die ebenfalls in dem quirligen Viertel wohnen, das am Freitag zum Schauplatz des größten Blutbads in Frankreich seit dem Krieg wurde.

Als die ersten Schüsse fielen, tat Perrignon das, was viele Pariser am Freitagabend gerne tun: Sie saß mit Freunden bei Tisch. "Plötzlich fingen unsere Handys an zu klingeln", erzählt sie. "Und dann war der Horror wieder da." Wie im Januar, als ein Terror-Kommando im selben Stadtviertel zugeschlagen hatte und kaltblütig beinahe die gesamte Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" auslöschte.

Zwei Stunden lang telefonierte Perrignon am Freitag voller Angst, bis sie ihre Kinder, die ebenfalls in der Gegend ausgegangen waren, in Sicherheit wusste. "Dann bin ich runter auf die Straße. Ich wollte mich von denen nicht einsperren lassen." Das Leben wird weitergehen, da ist sie sich sicher. Gestern saßen die Pariser schon wieder in den Restaurants, beinahe als sei nichts gewesen. Aber stolze Gesten des kollektiven Widerstands, dieses trotzige "Nous sommes Charlie", das wird sich nicht wiederholen, meint sie. "Klar, es wird wieder solidarische Profilbilder im Internet geben und wohl auch Demonstrationen, aber wir haben ja gesehen, dass das alles nichts verändert hat."

Der "Geist des Januar", den gerade die Politiker so beschworen hätten, sei schnell in den üblichen Grabenkämpfen zerrieben worden. Und schnell habe sich gezeigt, dass längst nicht alle Franzosen die Anschläge empörend fanden, ja sogar Verständnis für die Täter äußerten. "Den Terroristen ist es gelungen, die Risse in der französischen Gesellschaft auszunutzen, das Gefühl vieler Menschen, nur Bürger zweiter Klasse zu sein." Das allerdings, so glaubt Perrignon, werde diesmal schwierig sein. "Schließlich hat es diesmal uns alle getroffen, völlig unterschiedslos nach Herkunft oder Religion."

Trotzdem hat sie Angst vor den politischen Folgen der Anschläge. "Als der Präsident die Schließung der Grenzen angeordnet hat, haben viele gejubelt, die das schon lange und aus völlig anderen Gründen wünschen." Frankreich drohe sich im Kampf gegen den Terror abzukapseln und dabei noch weiter nach rechtsaußen zu rutschen. "Dieses Klima ist doch wie gemacht für FN-Chefin Marine Le Pen."

(bee)
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