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Flüchtlingslager
Idomeni - Ende eines Albtraums

Fotos: Idomeni - griechische Polizei beginnt mit Räumung
Fotos: Idomeni - griechische Polizei beginnt mit Räumung FOTO: dpa, yk ase
Idomeni. "Europas Schande", so wurde das Flüchtlingslager nahe dem nordgriechischen Dorf genannt. Nun wird es geräumt. Von Gerd Höhler und Christoph Kleinau

Seit die mazedonischen Behörden im Februar die Grenze dichtmachten, über die bis dahin täglich Tausende Flüchtlinge und Migranten auf der Balkanroute nach Mitteleuropa geströmt waren, hausten im Flüchtlingslager bei Idomeni zeitweilig fast 15.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen in kleinen Zelten und Verschlägen. Gestern, am frühen Morgen, begannen die griechischen Behörden mit der Räumung des Lagers.

Nach offiziellen Angaben des Flüchtlings-Krisenstabes der griechischen Regierung hielten sich zuletzt 8199 Menschen in Idomeni auf, darunter Hunderte Familien mit kleinen Kindern. Es handelt sich um Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, aber auch um Armutsmigranten aus Nordafrika. Sie sollen jetzt in andere, organisierte Lager in Nordgriechenland umgesiedelt werden. Dafür stehen in Armeekasernen und ehemaligen Industriegebäuden 6000 Plätze zur Verfügung, weitere 2000 sollen bis Ende dieser Woche eingerichtet werden. Bereits am Sonntag und Montag hatten sich rund 400 Menschen bereiterklärt, aus Idomeni in die neuen Lager umzuziehen.

An der Räumungsaktion sind über 1400 Polizisten beteiligt, die in den vergangenen Tagen aus ganz Griechenland zusammengezogen wurden. Sie sperrten gestern die Zufahrtswege zu dem Lager, auch Reporter hatten keinen Zugang. Nur ein Fernsehteam des staatlichen griechischen Fernsehens durfte drehen. Nach Angaben des Sprechers des Krisenstabes, Giorgos Kyritsis, lief die Räumung ohne Zwischenfälle ab: "Alles läuft nach Plan, es wird keine Gewalt angewendet", sagte Kyritsis. Ein Helfer berichtete telefonisch aus dem Lager: "Viele bauen ihre Zelte ab und verstauen ihre Habseligkeiten in großen Taschen und Säcken, um abzureisen. Die meisten Menschen wirken ermüdet und desillusioniert, der monatelange Aufenthalt in dem Lager hat sie zusehends zermürbt - die wenigsten glauben noch an eine Grenzöffnung."

Auch Lukas Stelzner aus Neuss erlebte die Räumung mit. Er arbeitet als Freiwilliger in einer der drei Schulen im Camp. "Wir sind gezwungen, die Kids zurückzulassen, und es geht dem Team damit echt beschissen", schrieb er am Mittag, als die meisten Helfer das Lager schon verlassen hatten. Stelzner hatte seinen Job als Erzieher zur Jahreswende gekündigt, um reisen zu können. Statt mit dem Fahrrad der europäischen Küstenlinie bis nach Griechenland zu folgen, strampelte er aber vom 16. April an direkt auf sein neues Ziel Idomeni zu, um dort zu helfen. Am 7. Mai war er vor Ort und erlebte die Situation im Lager - und nun die Räumung, die friedlich verlief.

Fernsehbilder von der mazedonischen Seite der Grenze schienen das gestern zu bestätigen. Bis zum Nachmittag verließen Busse mit geschätzt 1200 Flüchtlingen das Lager. Die Räumung soll nach Angaben der Behörden eine Woche dauern. Auch die seit 66 Tagen von Flüchtlingen blockierte Bahnstrecke, die bei Idomeni über die Grenze führt, soll bald freigemacht werden.

Kenner der Verhältnisse schließen nicht aus, dass es nach dem friedlichen Auftakt doch noch zu Zwischenfällen kommen könnte. Den harten Kern des Lagers bilden vor allem Armutsmigranten aus Nordafrika und anderen Ländern, die keine Aussicht auf Asyl haben, sondern damit rechnen müssen, abgeschoben zu werden. Es handelt sich überwiegend um junge Männer, die in den vergangenen Wochen mehrfach versucht hatten, den Grenzzaun zu Mazedonien niederzureißen. Erst vergangene Woche benutzten sie einen Güterwaggon als Rammbock.

Idomeni hatte in den vergangenen Monaten oft traurige Berühmtheit erlangt, mal mit Tränengaseinsätzen mazedonischer Grenzer gegen Flüchtlinge, zuletzt mit Berichten über Drogenhandel und Prostitution. Schleuser versuchten immer wieder, verzweifelte Menschen über die Grenze nach Mazedonien zu bringen. Dort wurden die meisten aber schnell aufgegriffen und nach Griechenland zurückgeschickt. Heftige Regenfälle hatten während der vergangenen Tage das Lager erneut in eine Schlammlandschaft verwandelt.

Welche Perspektive die umgesiedelten Menschen in den neu eingerichteten Lagern haben, ist ungewiss. Nach offiziellen Angaben sitzen derzeit gut 54.000 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland fest. Etwa 43.000 von ihnen leben in rund 40 offiziellen Lagern. Sie könnten in Griechenland Asyl beantragen. Die meisten wollen aber nach Nordeuropa, vor allem nach Deutschland. An eine legale Weiterreise ist bisher kaum zu denken.

Unklar ist auch das Schicksal der rund 8500 Menschen, die in den sogenannten Hotspots auf den ostägäischen Inseln festgehalten werden. Sie kamen nach dem 20. März nach Griechenland und können gemäß dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei dorthin zurückgeschickt werden. Die meisten von ihnen haben inzwischen Asyl beantragt. Solange darüber nicht entschieden ist, können sie nicht abgeschoben werden. Die Bearbeitung der Anträge dauert, weil immer noch nicht genug EU-Asylexperten auf den griechischen Inseln eingesetzt sind. Immerhin ist der Migrantenstrom aus der Türkei stark zurückgegangen. Viele Flüchtlinge werden wohl auf mehrere Jahre in Griechenland festsitzen.

Quelle: RP
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