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Alfred Grosser
"Im Flugzeug habe ich immer eine Schere mit"

Der französische Publizist bekennt seine Liebe zu Zeitungspapier, lobt Merkels Flüchtlingspolitik und warnt vor einem Ende der Demokratie.

Düsseldorf Alfred Grosser stammt aus einer jüdischen Familie, die 1933 aus Frankfurt nach Paris emigrierte. Seine Stimme hat seit Jahrzehnten Gewicht in Frankreich wie in Deutschland. 20 Journalistenschüler der Rheinischen Post diskutierten mit dem 91 Jahre alten Publizisten und Politikwissenschaftler über Europa, die Flüchtlingskrise und die Rolle der Medien - es wurde ein Generationengespräch.

Herr Grosser, viele Menschen informieren sich heute über soziale Medien. Schauen Sie auch mal bei Facebook rein?

Grosser Sie sprechen mit jemandem, der in dieser Beziehung sehr altmodisch ist. Ich brauche klassische Zeitungen, aus denen ich alles ausschneiden kann, was für mich wichtig ist. Selbst im Flugzeug habe ich dafür immer eine Schere dabei.

Eine Schere? Wie bekommen Sie die denn durch die Kontrollen?

Grosser Kein Problem, das ist eine Kinderschere aus Plastik, mit der man nicht mal die Fingernägel schneiden kann. Dafür aber Papier.

Also kein Facebook?

Grosser Nein, mir fehlt die Differenzierung. Das ist doch eine Katastrophe, dass man dort irgendeinen Blödsinn verbreiten kann, und bevor eine Korrektur kommt, haben 500.000 Menschen das geglaubt.

Katastrophen gibt es im Augenblick viele. Uns jungen Menschen macht vor allem die Situation in Europa Angst. Ihnen auch?

Grosser Krisen gab es schon immer. Aber diese Krise scheint mir schlimmer zu sein als alle anderen zuvor. Noch nie haben in Europa so viele ihr eigenes Süppchen gekocht. Ich bin ja ein begeisterter Anhänger von Kanzlerin Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik. Ihre Zugeständnisse an den britischen Premier David Cameron waren allerdings ein furchtbarer Fehler. Egal wie diese Debatte um den möglichen EU-Austritt der Briten ausgeht, sie spielt den EU-Kritikern in die Karten.

Welche Folgen können die Zugeständnisse an die Briten haben?

Grosser Auch andere in der EU werden ihre Extrawürste wollen. Am Ende könnte die Demokratie untergehen. Ungarn ist schon keine Demokratie mehr. Polen auch nicht. Dort kassiert man Milliarden aus Brüssel und sagt gleichzeitig: Europa geht uns nichts mehr an.

Das heißt, die EU funktioniert nicht?

Grosser Doch, sie funktioniert noch. Es wird ja auch viel Gutes entschieden. Nur sind die handelnden Personen schwach. Der letzte gute Vorsitzende der EU-Kommission hieß Jacques Delors, das ist mehr als 20 Jahre her. Jean-Claude Juncker ist zwar ein guter Europäer, aber er war zuvor lange Ministerpräsident von Luxemburg und hat dubiose Geschäfte der Banken gedeckt. Das schadet ihm.

Wer zählt denn Ihrer Ansicht nach noch zu den großen Europäern?

Meiner Ich glaube, Wolfgang Schäuble ist der große Europäer in Deutschland. Das sage ich nicht nur, weil er ein alter Freund ist! Und zum vermutlich ersten Mal muss ich ihn jetzt auch kritisieren. Ich finde, er hat zu schroff abgelehnt, was SPD-Chef Sigmar Gabriel gefordert hat, nämlich dass man bei der Umverteilung der verfügbaren Mittel nicht nur die Flüchtlinge berücksichtigen darf. Es muss auch etwas für die anderen Bürger übrigbleiben, für den Ausbau der Kitas zum Beispiel.

Welche Rolle spielt Deutschland in der EU?

Grosser Deutschland hat eine sehr schwierige Rolle. Es muss vermeiden, zu autoritär zu sein. Aber wenn es nicht autoritär ist, wird ihm vorgeworfen, sich nicht entscheiden zu können. Das erlebt die Kanzlerin ständig. In der französischen Zeitung "Libération" war sie zuerst mit einer Pickelhaube abgebildet wegen Griechenland, dann mit Heiligenschein wegen der Flüchtlinge.

Die Franzosen unterstützen also Merkels Flüchtlingspolitik?

Grosser Ich auf alle Fälle! Der Empfang von Flüchtlingen in Deutschland ist fantastisch. Inzwischen gibt es in Frankreich aber auch viel Kritik an der deutschen Aufnahmepolitik, ebenso wie an der französischen Weigerung, Flüchtlinge aufzunehmen. Maximal 30.000 will die Regierung akzeptieren, gegenüber einer Million in Deutschland - das ist für Frankreich ein schrecklicher Vergleich. Und das, obwohl Frankreich immer eine Nation der Immigration gewesen ist. Wer sich gegen Einwanderung stellt, der verneint die gesamte Vergangenheit Frankreichs.

Nutzt die Flüchtlingskrise in Frankreich den Rechtsextremen?

Grosser Ja. Marine Le Pen, die Chefin des Front National, schlachtet das aus. Sie verbreitet so viel Angst, dass sich selbst die Medien beugen. Aber wenn es darauf ankommt, halten Konservative und Sozialisten bisher gegen Le Pen zusammen. Das hat sich bei den Regionalwahlen gezeigt. Als Le Pen in der ersten Runde 40 Prozent erreichte, gab es eine Art Aufstand gegen sie.

Auch in Deutschland bekommen die Rechten immer mehr Zuspruch.

Grosser Schon, aber nicht im selben Ausmaß. Das liegt an Hitler. Mit so einer Vergangenheit ist man in Deutschland eben viel vorsichtiger, außer vielleicht in Dresden. Ich glaube, die AfD wird in den Bundestag einziehen - aber wohl nicht mit mehr als zehn Prozent.

Gruppierungen wie Pegida und Menschen, die mit der AfD sympathisieren, fürchten die Überfremdung. Passt der Islam zu Europa?

Grosser Ja, nur einen Punkt im Islam kann ich nicht akzeptieren, und das ist die Stellung der Frau. Auf der anderen Seite gibt es auch im Christen- und im Judentum immer noch eine Ungleichbehandlung der Frau.

Sollten Flüchtlinge abgeschoben werden, wenn sie straffällig werden?

Grosser Für schwere Verbrechen auf jeden Fall, aber nicht für kleinere Vergehen. Man kann von Flüchtlingen schon erwarten, dass sie sich korrekt verhalten. Aber man verlangt ja auch viel Widersprüchliches. So sollen die Flüchtlinge sich schnell integrieren. Gleichzeitig fordert Frau Merkel, sie sollten in ihre Heimat zurückkehren, sobald dort wieder Frieden herrscht.

Anderes Thema: Dürfen wir im Sommer eine unbeschwerte Fußball-EM in Frankreich erwarten?

Grosser Von offizieller Seite wird mehr über Terror gesprochen als über Fußball. Was aber auch daran liegen mag, dass man unserer Mannschaft nicht allzu viel zutraut.

TANJA KARRASCH UND NICOLE SCHARFETTER FASSTEN DAS GESPRÄCH ZUSAMMEN.

Quelle: RP
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