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Patras
Im Hafen der Hoffnung

Patras. Hunderte Migranten versuchen Tag für Tag, als blinde Passagiere vom westgriechischen Hafen Patras nach Italien zu gelangen. Dabei riskieren sie ihr Leben. Von Gerd Höhler

Jamal klammert seine Hände um die Gitterstäbe und späht durch den Zaun. Mit rasselnder Ankerkette schiebt sich drüben eine Fähre ans Kai. "Cruise Europa" steht am Bug. Der Name des Schiffes muss für Jamal wie ein Versprechen klingen. "Ich kann es schaffen", sagt der 23-Jährige. Vor einem Jahr kam er aus seiner Heimat Afghanistan über den Iran in die Türkei. In Kusadasi vertraute er sich einem Schleuser an, der ihn mit anderen eines Nachts zur griechischen Insel Samos hinüberbrachte. Nach acht Monaten in einem Auffanglager kam Jamal nach Patras. Der Hafen an der Westküste des Peloponnes ist Griechenlands Tor zum Westen. Von hier legen die Autofähren nach Italien ab. Jamal ist einer von hunderten Migranten, die am Hafen von Patras auf eine Chance warten, als "blinder Passagier" auf einer der Fähren überzusetzen. "Wenn Du erst mal in Italien ankommst, bist Du praktisch in Deutschland - Du setzt dich einfach in einen Zug und fährst hin", glaubt Jamal. In Berlin hat er entfernte Verwandte. "Alle wollen doch nach Deutschland", sagt Jamal.

Jamals erste Hürde auf seinem Weg nach Berlin: der weiße Stahlzaun am Hafen. Mit drei Metern Höhe ist er für einen jungen Mann kein echtes Hindernis. Jamal weiß gar nicht, wie oft er ihn schon überklettert hat - oft ein Dutzendmal am Tag, in beiden Richtungen. Hinter dem Zaun patrouillieren die Sicherheitsleute der Hafengesellschaft mit ihren Motorrädern. Sie treiben die Migranten immer wieder über den Zaun zurück. Die versuchen es dann nur wenige Minuten später an einer anderen Stelle. Es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel, bei dem es für die Migranten darum geht, lange genug von den Streifen unentdeckt zu bleiben, um sich in den Laderaum oder unter das Chassis eines der dort geparkten Fernlaster zu schmuggeln.

"Sie versuchen jeden Tag, auf eines der Schiffe zu kommen", sagt Dimitris Kyriakoulopoulos. Er ist Chef der Hafenpolizei in Patras. Mit seinen 250 Mitarbeitern versucht Kyriakoulopoulos, "blinde Passagiere" rechtzeitig aufzuspüren. "Der Zaun um das Hafengelände ist eher symbolisch und leicht zu überklettern", sagt Kyriakoulopoulos. "An Spitzentagen fertigen wir hier 600 Lastzüge ab", erzählt Kyriakoulopoulos beim Rundgang durch den Checkpoint. Hier werden auf sechs Spuren die Fahrzeuge überprüft. Kontrolleure klettern in die Laderäume der Lkw, um zu erkunden, ob sich zwischen Paletten und Kisten Migranten versteckt haben. Dabei kommt auch Flash zum Einsatz, "unser bester Mitarbeiter", wie einer der Polizisten sagt: Der fünfjährige belgische Schäferhund läuft an der Leine zwischen den wartenden Lkw hindurch. Er kann mit seiner feinen Nase von außen Menschen aufspüren, die sich zwischen dem Ladegut in den Aufliegern versteckt haben. Schnuppert Flash etwas, springt er bellend an dem Lkw hoch.

Auch die Unterseite der Laster wird genau untersucht. Und immer wieder werden die Kontrolleure gerade dort fündig. Wie heute bei einem Sattelzug mit britischem Kennzeichen. Zwei junge Afghanen haben sich unter der Ladefläche des Aufliegers versteckt. Jetzt stehen sie, mit Handschellen aneinander gefesselt, neben dem Laster. Die nächsten Stunden werden die beiden Migranten in einer Arrestzelle verbringen. "Wir nehmen ihnen Fingerabdrücke ab, dokumentieren den Fall, danach müssen wir sie laufen lassen", sagt Hafenpolizist Kyriakoulopoulos. "Über 1000 solcher Festnahmen hatten wir seit Jahresbeginn bereits."

Doch auch wer es unentdeckt durch den Checkpoint schaffen sollte, ist noch nicht an Bord der Fähre. Zwischen den Lastzügen, die vor der Rampe des Schiffs warten, dreht ein unauffälliger grauer Kleinlaster seine Runden. Der Laderaum des Mercedes-Transporters ist vollgepackt mit modernster Elektronik. Radarkontrolle einmal anders: Im Schritttempo steuert der Fahrer den Kleinlaster an den wartenden Lkw vorbei. Auf einem Bildschirm sieht der Beifahrer ein Röntgenbild des Fahrzeugs und seiner Ladung. "Wir finden alles - Rauschgift, Waffen oder Migranten", sagt Andreas, der Fahrer des Radarwagens. "Die Schleuser konstruieren die erstaunlichsten Verstecke, aber mit dieser Technik entdecken wir alle - sogar Migranten, die sich in eigens gezimmerten doppelten Böden der Auflieger oder in entleerten Tanks der Zugmaschinen verstecken."

"Der Druck wird größer", sagt Dimitris Coletsos. Er ist Sicherheitsbeauftragter der Hafengesellschaft von Patras. Weil die Landgrenzen auf dem Balkan immer besser gesichert werden, ist der Weg über die Adria für viele Migranten die letzte Hoffnung. "Im letzten Quartal 2016 hatten wir rund 60 bis 90 Festnahmen pro Monat, jetzt sind es mehr als 200", berichtet Coletsos. Rund 850.000 Euro investiert die staatliche Hafengesellschaft dieses Jahr in neue Sperranlagen: Ein 3,30 Meter hoher Zaun aus Stahl und Plexiglas soll die Migranten zurückhalten. "Was die meisten nicht verstehen: Wir versuchen, sie zu schützen", sagt Coletsos. "Sie unterschätzen die Gefahren, die einem 'blinden Passagier' drohen." Immer wieder sind in den vergangenen Jahren Migranten in Lkw erstickt oder in Kühllastern erfroren.

Wie viele trotz der Kontrollen unentdeckt an Bord der Fähren gelangen, weiß niemand. "Es ist nur eine Frage der Zeit", glaubt Jamal, "irgendwann schafft man es". Wie sein Freund Baran. Fünf Monate war der 19-Jährige in Patras. "Er hat es immer wieder versucht, mehrmals jeden Tag", erzählt Jamal. Vor Kurzem hat sich Baran gemeldet, per E-Mail mit einem Selfie. Es zeigt ihn lachend auf dem Alexanderplatz in Berlin.

Es wird Abend. Die "Cruise Europa" legt ab zu ihrer Überfahrt nach Ancona. Jamal ist wieder nicht an Bord. Er kehrt in sein Nachtquartier zurück. Mit mehr als 500 anderen Migranten haust er in der Ruine der vor 20 Jahren stillgelegten Textilfabrik Piraiki-Patraiki am Hafen. In den leeren Werkshallen haben die jungen Männer ihre Campingzelte aufgeschlagen.

Quelle: RP
 
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