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Düsseldorf
Im Ruhrgebiet stirbt man früher

Düsseldorf. Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zeigen: Menschen in wirtschaftlich schwachen Regionen sterben jünger. Münsteraner hingegen werden im Schnitt besonders alt. Von Jan Drebes, Jessica Kuschnik und Thomas Reisener

Wie alt Menschen werden, hängt offenbar auch vom Wohnort ab. Zwar steigt die Lebenserwartung bundesweit Jahr für Jahr an. Trotzdem gibt es erhebliche regionale Unterschiede. In Münster zum Beispiel ist die durchschnittliche Lebenserwartung deutlich höher als in Gelsenkirchen. Und in weiten Teilen des strukturschwachen Ruhrgebietes ist sie deutlich schlechter als im Bundesdurchschnitt. Das geht aus regionalen Daten hervor, die die Linken-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann beim Bundesinstitut für Bau- Stadt- und Raumforschung (BBSR) ermittelt hat.

Über die Ursachen streiten sich die Experten. Die Wirtschaftsforscher vom Essener RWI halten auch mit Blick auf die neue Statistik den ursächlichen Zusammenhang von Wohnort und Lebenserwartung noch nicht für bewiesen. Allerdings bedeutet ein niedriges Einkommen im statistischen Durchschnitt auffallend oft eine niedrigere Lebenserwartung - und im Ruhrgebiet wird im Schnitt schlechter verdient als etwa in Düsseldorf. "Wer keine oder eine prekäre Arbeit hat, steht oft unter Stress", sagt die Medizinsoziologin Liane Schenk von der Berliner Charité, "und Stress erhöht das Gesundheitsrisiko."

Entsprechend liegt die Lebenserwartung auch in Duisburg, Mönchengladbach und Oberhausen landesweit auf den hinteren Plätzen. Lange leben lässt es sich hingegen in Düsseldorf, im Rhein-Kreis Neuss, im Rheinisch-Bergischen Kreis und im Rhein-Sieg-Kreis. Insgesamt liegt die Lebenserwartung in Deutschland laut Robert-Koch-Institut für heute geborene Mädchen im Mittel bei 82,7 Jahren und für Jungen bei 77,7 Jahren.

In einer Antwort auf eine entsprechende Anfrage der Abgeordneten Zimmermann räumt die Bundesregierung ein, "dass günstige sozioökonomische Bedingungen in der Wohnregion mit einer höheren Lebenserwartung einhergehen".

Ursache seien Unterschiede bei der Bildung, aber auch beim Rauchen, der Ernährung und der Bewegung sowie bei den Arbeitsbedingungen. Medizinsoziologin Schenk ergänzt: "Geld reguliert auch den Zugang zu gesundem Wohnraum. Wer zu laut oder zu dunkel wohnt, kaum Naherholungsmöglichkeiten hat und sich auf dem Heimweg fürchten muss, lebt ungesünder." Schwache Einkommensgruppen nähmen auch seltener an Früherkennungsuntersuchungen teil und würden Krankheitssymptome länger verdrängen.

Genau diese Zusammenhänge will die rot-grüne Landesregierung eigentlich abschaffen. In ihrem Koalitionsvertrag versprach sie 2012: "Die medizinische Versorgung in strukturschwachen Regionen sowie in sozial benachteiligten Stadtteilen wollen wir sichern und verbessern." Mehr medizinische Vorsorge sollte "soziale Ungleichheiten verringern und Lebenschancen erhöhen. Sie muss Menschen in ihren Lebenswelten erreichen und Zugangsbarrieren abbauen." Die Landesregierung wollte sich gestern auf Nachfrage nicht zu dem Thema äußern.

"Rot-Grün hat im Wahlkampf mehr Gesundheit für Arme versprochen und nicht geliefert", so der gesundheitspolitische Sprecher der CDU im NRW-Landtag, Peter Preuß.

2014 organisierte das NRW-Gesundheitsministerium eine landesweite Konferenz zum Thema "Gesundheitliche Versorgung von Menschen in prekären Lebenslagen." Im Internet sind die umfangreichen Erklärungen und Empfehlungen noch nachzulesen. Was davon umgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Preuß: "Meines Wissens nichts."

Quelle: RP
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