| 10.12 Uhr

Catania/Rom
Im Visier der Menschenschmuggler

Catania/Rom. Nirgendwo in Europa landen derzeit so viele Flüchtlinge wie in Italien. Das Schleppergeschäft wird immer brutaler. Von Matthias Beermann

Ein weißer Fleck taucht im Licht des Suchscheinwerfers auf, tanzt auf den Wellen. Ein Gummiwulst, der einmal ein Schlauchboot war, der Boden mit billigen Sperrholzplatten verstärkt. Die wackelige Konstruktion ist eine Handbreit vollgelaufen, auf dem Salzwasser dümpeln leere Plastikflaschen. Es ist niemand an Bord. "Das bedeutet", sagt Pal Erik Teigen, "100 Tote. Mindestens."

Bei diesem Einsatz ist sein Schiff, die "Siem Pilot", zu spät gekommen. Der fast 90 Meter lange Stahlkoloss, einst gebaut für die Versorgung norwegischer Ölplattformen in der Nordsee, trotzt auch schwerstem Seegang und kann auf seinem Deck gut 700 Menschen aufnehmen. Aber er läuft nur 14 Knoten. Bei einem Notruf kann es deshalb sechs, sieben Stunden dauern, bis die im Auftrag der EU-Grenzschutzagentur Frontex auf dem Mittelmeer patrouillierende "Siem Pilot" es von ihrer Einsatzzone auf der Höhe Maltas bis vor die libysche Küste geschafft hat, wo die meisten Flüchtlingsboote in Seenot geraten.

Manchmal gibt es deshalb für die Retter nichts mehr zu tun, bestenfalls Leichen zu bergen. Die deponieren sie dann bis zum Einlaufen im nächsten Hafen in einem weißen Kühlcontainer an Deck der "Siem Pilot". 91 Tote waren es bisher, aber Teigen denkt lieber an die fast 29.000 Menschen, die seine Crew seit dem Sommer 2015 gerettet hat. Teigen ist ein Baum von einem Kerl und seit mehr als 30 Jahren bei der norwegischen Polizei. Er hat sich freiwillig zu diesem Einsatz gemeldet, aber selbst seiner Frau, die auch Polizistin ist, mag er nicht alle Details erzählen. "Es ist schon eine emotionale Achterbahnfahrt", sagt er gequält und ringt einen langen Augenblick um Fassung.

Rund 4000 Menschen sind in diesem Jahr bereits im Mittelmeer ertrunken - und dies, obwohl dort auf den Hauptrouten der Migration inzwischen eine ganze Rettungsarmada kreuzt. Darunter neben insgesamt sechs Frontex-Schiffen auch die Einheiten der italienische Küstenwache sowie der EU-Militäroperation "Sophia", die vor allem die Schleuser bekämpfen soll. Dazu kommt ein knappes Dutzend Boote von Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen". Dass die Zahl der Toten trotzdem wieder steigt, liegt vor allem daran, dass das Geschäft mit den Flüchtlingen immer rücksichtsloser wird. Die von den Schleusern verwendeten Boote sind von miesester Qualität, gefertigt aus dünnem Gummi, das schnell reißt. Und es werden immer mehr Menschen in diese schwimmenden Todesfallen gepfercht. Bis zu 160 Personen drängen sich dann an Bord. Manchmal bekommt einer der Migranten ein Satellitentelefon in die Hand gedrückt, damit er auf See einen Notruf absetzen kann, aber selbst das ist nicht immer der Fall. Dabei ist klar, dass keines dieser Boote auch nur den Hauch einer Chance hat, die 500 Kilometer entfernte Küste Siziliens zu erreichen.

Es ist völlig klar, dass die Schleuser auf die Retter setzen. Wirken die aufwendigen Rettungsmissionen der Europäer damit nicht geradezu wie eine Einladung an die Menschenschmuggler, immer noch mehr Migranten in seeuntüchtige Boote zu setzen? Natürlich kennen sie diese Vorwürfe auch an Bord der "Dattilo", einem im sizilianischen Catania stationierten Kreuzer der italienischen Küstenwache. Ihr Kommandant, Alesso Morelli, beantwortet sie, indem er Videoaufnahmen von Einsätzen zeigt. Es sind schockierende Bilder von Menschen, die im Wasser treiben. Da klammert sich ein Mann mit letzter Kraft an einen blauen Plastikkanister, ein anderer muss von den Helfern über die Reling gehievt werden. Und dann sieht man eine Frau, hochschwanger, deren lebloser Körper in einer Plastikwanne an Bord der "Dattilo" gezerrt wird.

"Es ist hart, sich das anzuschauen", sagt Morelli. "Aber besser, als davor die Augen zu verschließen." Seit mehr als einem Jahrzehnt macht er nichts anderes, als Flüchtlinge zu retten, Schmuggler aller Art zu jagen, auf dem Mittelmeer für Ordnung sorgen, soweit das überhaupt möglich ist. Er ist Offizier, er befolgt Befehle. Aber er macht kein Hehl daraus, dass er die politische Debatte über die mögliche Anreizwirkung der Rettungsmissionen für weltfremd hält. "Menschen, die in Seenot geraten, müssen wir retten", sagt Morelli. "Ende der Diskussion".

Männer wie Morelli haben einen klaren Kompass für ihr Handeln, das internationale Seerecht, das Schiffe aller Nationen zum Beistand verpflichtet. Komplizierter wird es, wenn die aufgefischten Migranten erst einmal an Land sind. Dort gilt das sogenannte Dublin-Abkommen, wonach derjenige Staat der Schengen-Zone, in dem die Flüchtlinge zuerst eintreffen, für deren Versorgung und die Abwicklung des Asylverfahrens zuständig ist. Früher wurde diese Regelung in Italien sehr lasch interpretiert; die Migranten wurden nicht betreut, viele reisten ungehindert nach Nordeuropa durch. Doch das hat sich seit dem Amtsantritt von Premier Mario Renzi vor zweieinhalb Jahren geändert.

Die Geretteten werden heute alle direkt in Erstaufnahmelager gebracht. Vier dieser "Hotspots" haben die Italiener eingerichtet. Dort werden die Menschen registriert, medizinisch versorgt, es werden Fingerabdrücke genommen. Frontex-Beamte befragen die Migranten zu ihren Fluchtrouten, um Schleusern auf die Spur zu kommen. Unterstützt werden sie dabei von eigens entsandten Experten aus anderen EU-Staaten, von Europol-Analysten und Mitarbeitern des EU-Asylbüros EASO. Europas Migrationsbürokratie ist auf Touren gekommen, auch wenn nicht immer so ganz klar scheint, wer da nun genau wem zuarbeitet. Und warum.

Die Flüchtlingskrise wird inzwischen ganz ordentlich verwaltet, das ist aber nicht mehr als eine vorläufige Antwort auf das Problem. Denn seit der Deal mit der Türkei den Strom der Flüchtlinge nach Griechenland fast zum Versiegen gebracht hat, ist Italien zum wichtigsten Aufnahmeland geworden. Und es kommen immer mehr Menschen übers Meer, fast alle aus dem südlichen Afrika. 27.500 waren es im Oktober, fast doppelt so viel wie noch einen Monat zuvor. Seit Jahresbeginn gelangten bereits mehr als 160.000 Schiffbrüchige nach Italien, 16 Prozent mehr als im ganzen Jahr 2015. Und zwei Drittel von ihnen landeten in Sizilien, einer der ärmsten und am dünnsten besiedelten Regionen Italiens.

Der 19-jährige Frank aus Kamerun ist einer von ihnen. Seit einigen Monaten lebt er unter 3100 anderen Asylbewerbern in einem Auffanglager bei Mineo im Inneren der Insel. Eine ursprünglich für das Personal einer nahegelegenen Militärbasis gebaute schmucke Siedlung mit 400 Häuschen, umgeben nur von kargen Äckern und einigen bescheidenen Obstplantagen, die jetzt von einem Stacheldrahtzaun umgeben ist und von Soldaten bewacht wird. Schon im September 2014 hatte Frank sein Heimatdorf in Kamerun verlassen, schlug sich bis nach Libyen durch. Im Frühjahr dieses Jahres zog ihn die italienische Küstenwache aus dem Wasser. Der junge Mann ist Christ; als Fluchtgrund gab er die Verfolgung durch die radikal-islamische Sekte Boko Haram an, die inzwischen auch im Norden Kameruns ihr Unwesen treibt. Sein Asylantrag wurde anerkannt. Sobald er seine Papiere hat, will Frank möglichst schnell weg von Sizilien, am liebsten nach Rom oder nach Mailand. Er träumt von einer Karriere als Fußballer, aber viel wahrscheinlicher ist, dass er sich als Straßenhändler oder mit Schwarzarbeit auf dem Bau wird durchschlagen müssen wie Tausende andere Schwarzafrikaner, denen man in Italiens Großstädten auf Schritt und Tritt begegnet. Darunter auch viele, deren Asylantrag abgelehnt wurde.

Im Innenministerium in Rom macht man sich keine Illusionen. "Die meisten dieser Menschen kommen aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa", sagt Mario Morcone, Chef der italienischen Einwanderungsbehörde im Range eines Präfekten. Aber das sei häufig nur sehr schwer nachzuweisen, und im Übrigen habe jeder Anspruch auf eine individuelle Prüfung seines Asylantrages. Sein Land wolle sich dieser Herausforderung zwar stellen, aber bitteschön nicht ganz allein. Morcone zeigt eine Liste mit den aktuellen Zahlen der Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU. Im September 2015 war beschlossen worden, dass die anderen EU-Länder Italien und Griechenland insgesamt 160.000 Flüchtlinge abnehmen. Teilnehmen an diesem Programm dürfen allerdings ausschließlich Menschen, die aus Ländern kommen, bei denen die Anerkennungsquote für Asyl bei mindestens 75 Prozent liegt. Das gilt für eine Handvoll Staaten, darunter Syrien oder Eritrea. Der Irak dagegen steht mal auf der Liste, dann wieder nicht. Bearbeitet werden die Anträge auf Umsiedlung in ein anderes EU-Land direkt in einer speziellen "Dublin-Abteilung" im italienischen Innenministerium.

Die Bilanz ist freilich mehr als mager: Nur rund 7000 Menschen wurden bisher umgesiedelt, darunter gut 1500 aus Italien. Die allermeisten Länder haben ihre Quoten nicht ansatzweise erfüllt, auch Deutschland nicht, das anstelle der zugesagten 27.000 Flüchtlinge bisher nicht einmal 500 aufgenommen hat. Besonders sauer ist Morcone aber auf einige osteuropäische Staaten, die sich komplett verweigern. "Jetzt haben wir den Beweis dafür, dass die Erweiterung der EU ein Fehler war", schimpft der Präfekt. Trotzdem komme eine erneute Politik des Durchwinkens der Flüchtlinge nach Norden nicht in Frage, beteuert er. Sogar die Zahl der Abschiebungen wurde gesteigert. So geht seit einiger Zeit wöchentlich ein Flug mit abgelehnten Asylbewerbern nach Tunis - ein bilaterales Abkommen macht es möglich. Man habe großzügig Hilfe bei der Ausrüstung der tunesischen Küstenwache geleistet, in Höhe von 130 Millionen Euro, erklärt Morcone.

Solche Deals helfen, aber sie werden die Flüchtlingsindustrie nicht stoppen. Vier bis sechs Milliarden Euro Umsatz wird mit dem Schmuggeln von illegalen Migranten im Jahr gemacht, schätzt man bei Europol. "Das ist ein dynamisch wachsender Markt, der zunehmend neue Player anlockt", warnt Michael Rauschenbach, der bei der europäischen Polizeibehörde die Abteilung für schwere und organisierte Kriminalität leitet. Beinahe 50.000 mutmaßliche Schleuser hat Europol bereits identifiziert, allein in diesem Jahr kamen 15.000 neue Tatverdächtige dazu. Und die würden immer brutaler. So seien schon Flüchtlinge mit Waffengewalt in die Boote getrieben worden, und es habe auch Schüsse auf Rettungsschiffe gegeben, berichtet der Europol-Beamte. Jedes voll besetzte Schlauchboot bedeute 100.000 Euro Profit.

Aber auch für die afrikanischen Herkunftsstaaten der Migranten und die Länder an der Transitroute geht es um viel Geld. Die Flüchtlinge, die es nach Europa schaffen, schicken Geld in die Heimat, jedes Jahr insgesamt Hunderte Millionen Euro - meist viel mehr, als diese Länder an Entwicklungshilfe erhalten. "Wir müssen diesen Ländern wirtschaftliche Alternativen bieten, sonst wird sich am Flüchtlingsstrom nichts ändern", sagt ein hoher Beamter im italienischen Außenministerium. Sein Regierungschef Renzi war unlängst auf einer ausgedehnten Tour durch afrikanische Länder, um für Migrationspartnerschaften mit der EU zu werden. Die Idee ist einfach: Europa fördert Investitionen in Afrika, um dort Jobs zu schaffen. Im Gegenzug verpflichten sich die Regierungen dort, die Auswanderung nach Kräften zu bremsen. Die Strategie scheint anzuschlagen. Niger etwa, eines der wichtigsten Transitländer für Migranten, hat damit begonnen, gegen die Schleuserindustrie vorzugehen.

Trotzdem wird der Migrationsdruck auf Europas Südgrenze wohl noch lange anhalten. Historisch hat sich Italien nie als Einwanderungsland verstanden. Auch daher gibt es eine Integrationspolitik bisher nur in Ansätzen, sehr viel beruht auf privaten Initiativen oder kirchlichen Hilfswerken, die meist auf kommunaler Ebene arbeiten. "Aber das ist zu wenig", sagt Mario Morcone, "wir brauchen endlich einen nationalen Integrationsplan". Dieser Plan liegt fertig in der Schublade, aber dort wird er auch erst einmal bleiben. Bisher gehen die Italiener mit dem Ansturm der Flüchtlinge zwar bemerkenswert gelassen um. Zu Protesten gegen die Ansiedlung von Migranten kam es bisher nur selten. Doch soll man ausgerechnet vor dem kritischen Verfassungsreferendum am 4. Dezember in dem kriselnden Land mit 37 Prozent Jugendarbeitslosigkeit zusätzliche Hilfen für Migranten verkünden? "Ich höre schon die Parolen", sagt Morcone: "Italiener zuerst!"

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Catania/Rom: Im Visier der Menschenschmuggler


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.