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Addis
In Äthiopien bedeutet Dürre nicht mehr automatisch den Tod

Addis. Das Land wird von der schlimmsten Trockenheit seit 50 Jahren heimgesucht. Trotzdem rechnet niemand mit einer Hungersnot. Von Philipp Hedemann

Abeba Als im letzten Frühjahr der Regen ausblieb, wussten die sesshaften Bauern und nomadischen Viehhirten, dass eine schwere Zeit anbrechen würde. Als im Sommer auch die Kiremt-Regenzeit in einigen Regionen im Osten des Landes fast ganz ausfiel, wussten sie, dass eine katastrophale Zeit anbrechen würde. Viele, die Hungersnot von 1984 überlebt hatten, fühlten sich an die Dürre erinnert, die Bob Geldof damals zum Live-Aid-Konzert inspirierte. Eineinhalb Milliarden Menschen hörten die weltweit übertragenen Konzerte, rund zweihundert Millionen Mark an Spenden kamen zusammen. Doch das Missmanagement der kommunistischen Regierung und ein langer Bürgerkrieg führten dazu, dass für viele die Hilfe zu spät kam.

Im vergangenen Jahr gingen die Ernten in einigen Landesteilen um bis 90 Prozent zurück. Ursache der Dürre war das Wetterphänomen El Niño, das alle sieben bis acht Jahre auftritt, wenn die Ozeane im großen Umfang Hitze an die Atmosphäre abgeben. Als Folge könnten nach Prognosen der Uno und der äthiopischen Regierung in diesem Jahr rund 400.000 Äthiopier von schwerer und 1,7 Millionen Menschen von leichter Mangelernährung betroffen sein. Zwei Millionen Menschen könnten keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser haben, 800.000 könnten gezwungen werden, in andere Landesteile zu fliehen.

Bereits im vergangenen Jahr waren nach Schätzungen rund 200.000 Tiere verendet, in diesem Jahr wird mit bis zu 450.000 toten Kühen, Schafen, Ziegen und Kamelen gerechnet. Derzeit sind 10,2 Millionen Äthiopier auf Lebensmittelhilfsliegerungen angewiesen. Hinzu kommen acht Millionen Äthiopier, die regelmäßig staatliche Unterstützung erhalten. Damit ist derzeit fast ein Fünftel der Bevölkerung auf Hilfe angewiesen. Und Experten befürchten, dass die Zahl sich bis Mitte des Jahres verdoppeln könnte.

Bis vor rund 30 Jahren hätte eine schwere Dürre in Äthiopien automatisch zu einer verheerenden Hungersnot geführt. 2016 wird es höchstwahrscheinlich keine Bilder von verhungerten Äthiopiern geben. "Die El-Niño-Folgen stellen Äthiopien vor große Herausforderungen, aber zusammen mit seinen internationalen Partnern wird die Regierung die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen", versprach Mitiku Kassa, Vorsitzender des Nationalen Katastrophen-Präventions-Komitees unlängst.

Denn die Dürre trifft Äthiopien nicht unvorbereitet. 2013 verabschiedete der Staat eine Strategie für das Management von Katastrophenrisiken, die unter anderem Frühwarnsysteme stärkte und die Verfügbarkeit von Lebensmittelvorräten in allen Landesteilen verbesserte. Koordiniert von einer staatlichen Kommission arbeiten derzeit mindestens 66 humanitäre Organisationen in Äthiopien. Seit Jahrzehnten ist das Land ein Liebling der internationalen Gebergemeinschaft. Die Republik, in der sich nach offiziellen Angaben fast zwei Drittel der Bewohner zum christlichen Glauben bekennen, gilt in der Unruheregion am Horn von Afrika als Bollwerk gegen den sich ausbreitenden Islamismus.

"Es wird definitiv keine Hungersnot geben", sagt auch David Del Conte, Vize-Chef des UN-Amts für die Koordinierung Humanitärer Angelegenheiten in Äthiopien. "Vorausgesetzt es sind genug finanzielle Mittel vorhanden." Doch die fehlen noch. Nach UN-Schätzungen sind allein in diesem Jahr 1,4 Milliarden Dollar notwendig, um eine Hungersnot zu verhindern. Doch erst rund die Hälfte ist zugesagt. Hilfsorganisationen schlagen deshalb jetzt mit dramatischen Appellen Alarm. Sie wissen, dass sie mit Krisen wie dem Krieg in Syrien um Hilfsgelder konkurrieren müssen.

Zudem hatte Äthiopien zunächst versucht, die Auswirkungen des ausbleibenden Regens kleinzureden, korrigierte die Zahl der von der Dürre Betroffenen nur zögerlich nach oben und bat die internationale Gemeinschaft erst im Oktober um Hilfe. Das Land wollte nicht wieder mit Hunger in die Schlagzeilen kommen. Seit dem Sturz des kommunistischen Diktators Mengistu 1991 war Äthiopien von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbemerkt zum "afrikanischen Löwen" aufgestiegen. Zwischen 2004 und 2014 wuchs die Wirtschaft nach offiziellen Angaben jedes Jahr durchschnittlich um 10,9 Prozent.

Im Laufe der vergangenen zehn Jahre verdoppelte sich zudem die Länge des Straßennetzes. Das ermöglicht es, jetzt auch Menschen in abgelegen Regionen mit Hilfslieferungen zu erreichen. Zudem wurde die landwirtschaftliche Produktion nach Angaben des Finanzministeriums seit 2010 jährlich um durchschnittlich 6,6 Prozent pro Jahr gesteigert. Und es ist noch viel Luft nach oben. Denn noch immer werden rund 90 Prozent der Ernten auf unbewässerten Flächen erzielt. Die Fortschritte werden jedoch durch das rasante Bevölkerungswachstum teilweise wieder aufgefressen. Lebten 1985 noch 40 Millionen Menschen in Äthiopien, so sind es mittlerweile rund 97 Millionen.

Quelle: RP
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