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Moskau
In der Krise wächst die Verklärung Stalins

Moskau. Vor 60 Jahren brach die Sowjetführung mit dem Erbe des Tyrannen. Doch der Stalin-Kult lebt weiter. Von Thomas Körbel

Die Blumensträuße lassen keinen Zweifel aufkommen, wer an der roten Kremlmauer in Moskau der Star ist: Sowjetdiktator Josef Stalin. Verehrer tragen das ganze Jahr über Blumen zum Grab des Despoten im Schatten des berühmten Lenin-Mausoleums am Roten Platz.

Vor 60 Jahren, im Februar 1956, brach die Sowjetunion mit ihrem verehrten Führer und "Vater der Völker". Knapp drei Jahre nach Stalins Tod rechnete Kreml-Chef Nikita Chruschtschow in einem "geheimen" Bericht auf dem XX. Parteitag mit den Verbrechen des Massenmörders ab und leitete eine Entzauberung Stalins ein. Es gehe darum, wie der Stalin-Kult zu einer Quelle "der größten und schwersten Perversionen der Parteiprinzipien" geworden sei, sagte Chruschtschow. Der Schritt war gewagt: Seine eigene Rolle bei den Verbrechen unter Stalin ließ Chruschtschow offen. Für die Parteibasis, die Stalin weiter verherrlichte, kam die neue Linie wie ein Schlag.

Dennoch durchweht bis heute der Mythos Stalin die russische Gesellschaft. Der Schreckensherrschaft mit Todeslagern (Gulag) und Erschießungen fielen in den 30er Jahren Hunderttausende Menschen zum Opfer. Doch inzwischen ist die Verklärung Stalins wieder auf dem Vormarsch. Eine aktuelle Umfrage des angesehenen Moskauer Lewada-Zentrums zeigt: Die Zahl der Kritiker, die in der Stalin-Ära mehr Negatives als Positives sehen, ist seit 1999 um fast zehn Punkte auf 13 Prozent gesunken. Mehr als ein Drittel der Befragten stellt Stalins Sieg über Hitler im Zweiten Weltkrieg über alles.

Der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau sieht als Ursache für die Umfragewerte innenpolitische Probleme wie die tiefe Wirtschaftskrise. "Die Stalin-Zeit wird als Epoche der Stabilität, der Stärke der Sowjetunion und des industriellen Aufbruchs verklärt", sagt Uhl. Die Russen erwarteten schnelle Wege der Krisenbewältigung wie unter Diktator Stalin. Zwar verurteilt Präsident Wladimir Putin Stalin offen als Verbrecher. Das hinderte ihn aber nicht daran, schon zu Beginn seiner Zeit an der Macht vor mehr als 15 Jahren stalinistische Symbolik zu übernehmen. Es war Putin, der etwa die unter Stalin gespielte Sowjethymne zur russischen Nationalhymne erhob, wenn auch mit neuem Text. Das Zeichen der Luftwaffe ist inzwischen wieder der rote Sowjetstern.

Zum jährlichen Weltkriegsgedenken am 9. Mai, dem wichtigsten Nationalfeiertag, tragen Russen immer wieder Stalin-Porträts durch die Moskauer Straßen. An mehreren Orten im Riesenreich wurden einst demonstrativ abgerissene Stalin-Statuen wieder zu neuem Glanz aufpoliert. In der Hafenstadt Archangelsk am Weißen Meer läuft derzeit eine Debatte, Stalin ein neues Denkmal zu setzen.

Große Aufregung löste im Dezember die Kommunistische Partei aus, die im südrussischen Pensa ein Stalin-Zentrum gründete. Als Pilgerstätte kritisieren das Menschenrechtler. "Die KP predigt die Ideale eines diktatorischen Staates", wettert Arseni Roginski von der Organisation Memorial. Die international geachtete Gruppe setzt sich für die Aufklärung der Verbrechen unter Stalin ein. Historiker prangern seit Jahren eine mangelnde Auseinandersetzung mit der Stalinzeit an.

Auch der Direktor des russischen Staatsarchivs, Andrej Sorokin, ist unzufrieden mit der Situation. "Die russische Gesellschaft braucht heute weniger Diskussionen über Personen als vielmehr Debatten über die Sowjetzeit, über ihre Leistungen, aber auch über den Preis dieser Leistungen, über die Fehler und Verbrechen, die leider auch geschehen sind", sagt Sorokin.

(dpa)
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