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Inklusion - Eltern gegen Eltern

Immer mehr behinderte Kinder lernen an Regelschulen. Aber ist das immer sinnvoll? Eine Mutter und ein Vater diskutieren.

In Baden-Württemberg schlägt der "Fall Henri" hohe Wellen - ein Gymnasium und eine Realschule haben dort ein Kind mit Down-Syndrom abgelehnt. Kann denn ein Down-Kind ein Gymnasium besuchen?

Wienken Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind: auf jeden Fall.

Schwarzhoff Genau - wenn die Voraussetzungen erfüllt sind. Derzeit wird aber solchen Kindern in keinem Bundesland die Förderung geboten, auf die sie ein Recht haben.

 

Und wenn ein Kind dem Unterricht überhaupt nicht folgen kann?

Wienken Ein Kind mit Down-Syndrom geht ja nicht zum Gymnasium, um Abitur zu machen. Es geht um zieldifferenten Unterricht, also um einen eigenen Lehrplan - und den Abschluss, der dem Kind gerecht wird. Es geht nicht nur um schulische Leistungen im herkömmlichen Sinn. Menschen mit Behinderung haben ganz andere Ressourcen einzubringen.

Schwarzhoff Grundsätzlich sollten Kinder möglichst viel miteinander erleben. Aber man muss doch befürchten, dass ein behindertes Kind irgendwann merkt, dass die anderen im Unterricht mehr können, und daran mit seinem Selbstbewusstsein Schaden nimmt. Der zieldifferente Unterricht wird ja gar nicht praktiziert - die behinderten Kinder werden vor andere Aufgaben gesetzt und quasi ruhiggestellt.

Wienken Das stimmt doch nicht. Es gibt doch individuelle Förderpläne. Zieldifferentes Lernen ist Praxis, es funktioniert - natürlich nicht, wenn eine Klasse 29 Schüler hat.

 

Müssen für das Gymnasium bei der Inklusion andere Maßstäbe gelten als für andere Schulformen?

Wienken Wenn die Schule rechtzeitig weiß, wer da kommt, und die Ressourcen bereitstellt, dann ist Inklusion auch am Gymnasium machbar.

Schwarzhoff Bei Seh- und Hörbehinderten ist Inklusion am Gymnasium ja längst Standard. Aber ein Kind mit geistiger Behinderung, das dazu verdammt ist, immer hintanzustehen, ist ein armer Tropf.

 

Also alles eine Frage der Leistung?

Schwarzhoff Der schulischen Leistungsfähigkeit, ja.

Wienken Leistung ist die falsche Kategorie. Wir müssen jedem den Erfolg ermöglichen, den er erreichen kann. Wer sagt, Behinderte bräuchten kuschelige Schonräume, der grenzt sie aus. Menschen mit Behinderung wollen einfach dazugehören. Meine behinderte Tochter und ihre Klassenkameraden haben in der Realschule ein Schwarzlichttheater auf die Beine gestellt, mit einem Mehrfachbehinderten in der Hauptrolle. Die anderen Schüler waren begeistert. Schwarzhoff Aber da geht es nicht um konkrete Lerninhalte. Schule muss auch Leistung fordern. Wenn bei Ihnen die Leistung keine Rolle mehr spielt, geht das zulasten der nicht behinderten Kinder, die dann als Hilfslehrer eingesetzt werden.

 

Gefährden behinderte Kinder die Leistung der nicht behinderten?

Wienken Ich kenne keine Untersuchung, die das belegt. Nach meiner persönlichen Erfahrung läuft es genau andersherum: Vom gemeinsamen Lernen profitieren alle Kinder.

Schwarzhoff Vielleicht im Sozialen, aber nicht beim schulischen Fortschritt. Weil die Klassen in sich so unterschiedlich sind, kommen heute schon in der Grundschule diejenigen Kinder zu kurz, die mehr geistiges Futter brauchen. Wenn Sie jetzt noch ein oder zwei emotional schwer gestörte Kinder in einer Klasse haben - dann ist der Lehrer nur noch mit Ruhighalten beschäftigt.

 

Gibt es Kinder, die auch bei bester Ausstattung und bestem Willen nicht "inkludierbar" sind?

Wienken Grundsätzlich nicht. Das widerspräche auch jedem Menschenrecht. Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie.

Schwarzhoff Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen wird in diesem Zusammenhang missbraucht. Die bezeichnet nämlich Unterstützungsmaßnahmen, also etwa Förderschulen, gerade nicht als Diskriminierung. Wir sehen ja auch eine Rampe nicht als Diskriminierung, nur weil Rollstuhlfahrer sie benutzen müssen.

Wienken Die Konvention schreibt aber auch das Recht auf gemeinsame Schulbildung fest. Das ist keine feierliche Erklärung, die man sich mal sonntags durchliest, sondern eine konkrete Verpflichtung.

 

Das Recht wird es ja in NRW ab dem Sommer geben. Brauchen wir trotzdem langfristig Förderschulen?

Wienken Nein - wenn die Voraussetzungen geschaffen sind, dass alle gemeinsam lernen können.

Schwarzhoff Doch, unbedingt sogar. Aber viele Förderschulen werden schließen müssen, weil sie die Mindestgrößen nicht erreichen.

Wienken Wenn Schulen geschlossen werden, liegt das am Wahlverhalten der Eltern.

Schwarzhoff Das ist von der Landesregierung gewollt, die Kinder sind da nur Spielball. Die Eltern sind leider leicht irrezuführen. Viele Versprechungen sind nicht einlösbar.

Wienken Aber die Förderschulen leisten keine bessere Arbeit als die allgemeinen Schulen. Das zeigen neue Studien - und das müssen Sie doch zur Kenntnis nehmen.

 

Was ist eigentlich eine Behinderung? Ein Defizit? Anders gefragt: Müssen wir uns eingestehen, dass manches mit Behinderung eben nicht geht?

Schwarzhoff Das darf man ja heute nicht mehr sagen – und wer es doch sagt, wird sofort als Diskriminierer gebrandmarkt. Aber Denkverbote sind unzulässig.

Wienken Wir sind in Deutschland Weltmeister im Einsortieren. Die Italiener zum Beispiel reden von "anders Befähigten" - ein völlig anderer Blick. Wir müssen schauen, was jeder Einzelne mitbringt.

 

Müsste jede Klasse, in der Behinderte lernen, durchgängig mit zwei Lehrern besetzt sein?

Schwarzhoff Ja.

Wienken Ja.

 

Wie wird 2015 die Bilanz nach dem ersten Jahr mit Rechtsanspruch sein?

Wienken Es wird höchste Zeit, dass wir anfangen. Natürlich wird es Anfangsschwierigkeiten geben, aber wir müssen endlich loslegen. Viele Menschen werden neue Erfahrungen miteinander machen.

Schwarzhoff Wir werden gute und schlechte Lösungen sehen. Aber jeder einzelne Fall, in dem solche Lösungen einem Kind geschadet haben, ist einer zu viel.

FRANK VOLLMER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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