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Patacamaya
"Interkulturelle Medizin" rettet Schwangere

Patacamaya. In Bolivien war die Müttersterblichkeit besonders hoch. Seit man dort aber auf jahrhundertealte Praktiken vertraut, sinken die Zahlen. Von Felix Lill

Das Baby, das sich seit Stunden ankündigt, will doch noch nicht kommen. Was tun? Unter einer gedimmt warmen Krankenhauslampe schauen sich eine Hebamme, ein Arzt, eine schwangere Frau und deren Mutter fragend an. Je länger die Geburt dauert, desto gefährlicher wird es. Und es ist schon fast ein Tag vergangen, seit die werdende Mutter ins Krankenhaus kam. Mehr als 4000 Meter über dem Meeresspiegel, in den bolivianischen Anden, kann so eine Verzögerung schnell tödlich sein.

Durch einen mehrschichtigen Rock geschützt, der bis zu den Knöcheln reicht, liegt sie auf dem Bett, klammert sich an die Pfosten des dunklen Holzbetts. Eigentlich wäre die junge Frau lieber auf ihrem eigenen Bett geblieben, wie so viele aymarastämmige Frauen vom Land. Aber ihre Mutter, die jetzt ihre Hand hält, rief gestern die Hebamme des Krankenhauses von Patacamaya. Die fuhr heute Morgen zu ihnen ins entlegene Haus, massierte nach den alten Praktiken den Bauch der Mutter, aber brachte sie schließlich doch unter ärztliche Aufsicht. "Du hast es bald geschafft!", flüstert die Mutter jetzt. "Es tut so weh", ächzt die Tochter. "Ich kann nicht mehr."

Es ist ein Bild, das vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. In Patacamaya, einer 30.000-Einwohnerstadt, zwei Autostunden von der Regierungsstadt La Paz entfernt, kommen Frauen jetzt ins Krankenhaus, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Was in der reichen Welt eine Selbstverständlichkeit ist, gleicht hier im Hochland einer gesundheitspolitischen Revolution. Bisher hatte Bolivien den traurigen Ruf, für gebärende Frauen ein besonders raues Pflaster zu sein. Pro 100.000 Geburten sterben 206 Mütter, das gehört zu den höchsten Raten Lateinamerikas und ist mehr als 30 Mal so häufig wie in Deutschland. Aber zumindest in einigen Teilen des Landes hat sich das Blatt gewendet. In Patacamaya müssen Frauen keine Angst mehr davor haben, ein Kind zu gebären. Was ist passiert?

Der Grund trägt einen hellblauen Oberrock, hat die Haare zu zwei langen Zöpfen geflochten und schmückt seinen Kopf mit einem runden, schwarzen Hut. Leonarda Quispe, die Hebamme, kocht in der Küchennische des Geburtssaals einen Tee für die Frau, beruhigt sie mit warmen Worten auf Aymara und massiert ihr immer wieder den Bauch, um dem Baby und seiner Mutter diese Momente zu erleichtern. Quispe selbst strahlt eine mütterliche Zuversicht aus, in diesem dunklen Raum voller Nervosität. "Doktor, Doktor!", ruft sie dann. "Kommen Sie schnell!" Carlos Mileta, der Arzt, rennt herbei. "Das Baby liegt immer noch falsch herum." Mileta, ein in La Paz und Madrid ausgebildeter Arzt, nimmt eine Schere zur Hand. Bereit für den Kaiserschnitt. Die Familie vertraut dem Arzt. "Keine Angst", sagt Mileta. "Dein Kind ist gleich auf der Welt."

Der Grund für das Vertrauen ist nicht der Mann, der die lebensrettende Arbeit durchführt. Es ist die 61-jährige Leonarda Quispe. Jeder hier weiß, dass die Frauen aus der Umgebung, die seit Ende 2008 immer zahlreicher das Krankenhaus aufsuchen, wegen Quispe kommen. Die Klinik von Patacamaya ist ein Pilotprojekt, das nicht nur das Zeug hat, ganz Bolivien zu verändern. Weltweit könnte das Modell, das sie hier "medicina intercultural" nennen, interkulturelle Medizin, das Problem der Müttersterblichkeit unter Kontrolle bringen.

Es geht um eine der großen Herausforderungen der armen Welt. Rund um den Globus starben im vergangenen Jahr jeden Tag 830 Frauen im Zusammenhang mit der Geburt ihres Kindes. Die UN-Entwicklungsziele, nach denen die Müttersterblichkeit bis Ende 2015 um drei Viertel sinken sollte, sind damit deutlich verpasst. 99 Prozent der betroffenen Frauen kommen aus Entwicklungsländern. Das Schlimmste an dieser täglichen Tragödie: Sie wäre so einfach zu vermeiden. Zu den typischen Todesursachen gehören Durchfall, Bluthochdruck und Teile der Nachgeburt, die im Körper der Frau bleiben und sie infizieren. Mit geschultem Personal treten solche Komplikationen kaum auf.

Alberto Camaqui hat das verstanden. Seit 2010 arbeitet er als Staatssekretär für interkulturelle Medizin im Regierungsviertel in La Paz. Camaqui, ein gemächlich dreinschauender Mann, trägt ein buntes Hemd, seine Haut hat die Sonne in der dünnen Höhenluft faltig und dunkel gebrannt. "Wir sind schon weit gekommen", sagt Camaqui . Er meint damit nicht nur die teils bemerkenswerte Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Dass er, als Aymara, einmal an der Spitze eines Ministeriums arbeiten würde, hätte sich der Mittfünfziger als Kind nicht träumen lassen. Und dann noch für eines, das Teile der indigenen Kultur zur Staatspolitik macht. Seit Bolivien im Jahr 2006 mit Evo Morales erstmals einen indigenen Präsidenten wählte, geht es vielen der lange vernachlässigten Bevölkerungsschichten besser. Camaqui ist dafür ein Beispiel.

"Drei Gründe gibt es, warum Frauen zur Geburt nicht ins Krankenhaus gehen", sagt Camaqui. "Finanzielle, geografische und kulturelle. Alle drei treffen vor allem die indigene Bevölkerung." 36 offiziell anerkannte Völker zählt Bolivien, die Armutsrate beträgt landesweit 45 Prozent und konzentriert sich in den indigen geprägten, ländlichen Gebieten. "Ab 2009 begannen wir, im ganzen Land Krankenhäuser zu bauen. Wir haben auch ein Gutscheinsystem eingeführt, mit dem Frauen eine finanzielle Belohnung erhalten, wenn sie ins Krankenhaus gehen", sagt Alberto Camaqui.

Trotzdem ist die Müttersterblichkeit in vielen Gegenden Boliviens seitdem nicht gefallen. Dort aber, wo auch auf die kulturellen Vorbehalte Rücksicht genommen wird, sind die Fortschritte nicht zu übersehen. Um die Bolivianerinnen in die Krankenhäuser zu locken, fördert die Regierung Einrichtungen, die neben der westlichen Schulmedizin auch die jahrhundertealten Traditionen der indigenen Völker anwenden. Das Krankenhaus von Patacamaya hat seitdem zwei interkulturelle Geburtssäle, eine Handvoll traditionelle Hebammen und einen Kräutergarten, der zur Herstellung von Sirup und Tees dient.

"Es ist ein gesundheitspolitischer Durchbruch, der auf einer ganz einfachen Einsicht beruht", erklärt Camaqui: "Verschiedene Kulturen verlangen unterschiedliche Behandlungen." Als Camaqui auf dem Land aufwuchs, habe er vor allem von der traditionellen Medizin gelebt. War er erkältet, gab es Zimt zu essen, bei Entzündungen trank er Kamillentee. Wenn den kleinen Alberto Verdauungsprobleme plagten, hielt der Heiler aus dem Dorf Minze bereit.

Allerdings beruhen die traditionellen Heilpraktiken nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Totgeburten und der Tod von Müttern werden von traditionellen Heilern bis heute durch übernatürliches Unglück erklärt. So wurde die Einführung der interkulturellen Medizin vom ersten Tag an auch scharf kritisiert.

Aber einige Zweifler haben ihre Meinung schon geändert. Carlos Mileta, der Arzt in Patacamaya, erlitt anfangs einen Kulturschock, als er ab Ende 2008 plötzlich mit Heilern ohne professionelle Ausbildung zusammenarbeiten sollte. "Es fiel mir richtig schwer zu akzeptieren, dass die mir nun sagen konnten, was ich zu tun hatte. Bis dahin war immer ich der Experte gewesen, der das Sagen hatte", sagt Mileta. "Aber wir hatten damals kaum Geburten, weil die Patientinnen einfach nicht zu uns kamen. Man sagte, dass sie Angst vor uns hatten, Männern in weißen Kittel, die sie in grell belichteten Räumen behandeln und Spanisch sprechen. Da musste ich mich eben ändern."

Bei Geburten trägt Mileta jetzt keinen weißen Kittel mehr,hält sich im Hintergrund und lässt der Hebamme Leonarda Quispe den Vortritt. "Mir vertrauen die Frauen und ihre Familien mehr als dem Doktor. Die Ehemänner sind auch nicht eifersüchtig auf mich", sagt Quispe. So hat man es in Patacamaya zum einen geschafft, immer mehr Geburten ins Krankenhaus zu holen. Und zum anderen ist die Sterberate auf ein bolivianisches Rekordtief gesunken: Seit 2009 gab es hier keinen Todesfall bei Geburten mehr.

Quelle: RP
 
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