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Tel Aviv
Israelis im Gaza-Streifen verschollen

Aufräumen nach Feuer im deutschen Benediktinerkloster in Israel
Aufräumen nach Feuer im deutschen Benediktinerkloster in Israel FOTO: ap
Tel Aviv. Für Israel gilt der Bereich als hochgefährliches Feindesland. Die zwei Verschwundenen, so wird befürchtet, sind in der Hand der Hamas. Von Lissy Kaufmann

Zwei Israelis sind seit Monaten im Gaza-Streifen verschwunden. Sie werden möglicherweise von der radikal-islamischen Terrororganisation Hamas festgehalten. Nachdem gestern eine staatliche Nachrichtensperre aufgehoben worden war, berichteten israelische Medien über das Verschwinden des 28-jährigen Avraham Mengistu, eines Israelis äthiopischer Herkunft, sowie eines israelischen Bürgers mit arabischem Hintergrund, dessen Identität nicht preisgegeben wurde.

Nachrichtensperren sind in Israel nicht ungewöhnlich, wenn es um Themen geht, die die Sicherheit des Landes und seiner Bürger betreffen. Israel bemühe sich um die Freilassung der beiden, sagte Verteidigungsminister Mosche Jaalon: "Wir sehen die Hamas in der Verantwortung für ihr Schicksal."

Das Verschwinden der Männer weckt Erinnerungen an den Fall Gilad Schalit. Der israelische Soldat war 2006 im Gaza-Streifen entführt worden. Er wurde erst 2011 in einem für Israel schmerzlichen Gefangenenaustausch freigelassen - im Gegenzug kamen mehr als 1000 palästinensische Häftlinge frei. Obwohl es sich bei den Vermissten nicht um Soldaten handelt, fürchtet Israel nun ein ähnliches Szenario.

Der unbekannte Verschwundene, wohl ein Beduine, hatte Zeitungsberichten zufolge bereits mehrmals zuvor die Grenze überquert, zuletzt im April dieses Jahres. Israelis ist es eigentlich verboten, den von der Hamas beherrschten Küstenstreifen zu betreten.

Avraham Mengistu, der aus der Hafenstadt Ashkelon wenige Kilometer nördlich des Gaza-Streifens stammt und psychisch krank sein soll, sei bereits im September 2014 nach Ende des letzten Gaza-Krieges über den Zaun am Zikim-Strand geklettert. Eventuell habe er am Tag des Geschehens Alkohol getrunken.

Wie die Zeitung "Haaretz" mitteilte, nahmen israelische Soldatinnen mit Überwachungskameras Mengistu wahr. Da er einen Rucksack bei sich trug, dachten die Frauen zunächst, es handele sich um einen Palästinenser, der zurück nach Gaza wollte. Soldaten kamen erst an den Ort des Geschehens, als der Mann bereits über den Zaun geklettert und verschwunden war.

In Gaza soll er von der Hamas aufgegriffen worden sein - und sich möglicherweise noch immer in deren Gewalt befinden, wie Präsident Reuven Rivlin mitteilte: "Wir werden jede Anstrengung unternehmen, um diese Sache so schnell wie möglich zu einem Ende zu bringen." Auch der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet und heutige Knesset-Abgeordnete Yaakov Peri glaubt nicht, dass Mengistu, wie von der Hamas behauptet, mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist: "Meine Einschätzung ist, dass die Hamas versuchen wird, diesen Fall mit den Verhandlungen über die Rückgabe der beiden Leichen der im Gaza-Krieg getöteten israelischen Soldaten Oron Shaul und Hadar Goldin zu verbinden."

Laut "Haaretz" teilte der politische Führer der Hamas, Chaled Maschaal, bereits am Mittwoch in Doha mit, dass Israel Kontakt zur Hamas durch europäische Mittelsmänner aufgenommen und die Freilassung der beiden in Gaza festgehaltenen Gefangenen sowie der beiden Leichen gefordert habe. Die Hamas könne sich dazu aber nicht äußern und sich auf keine Verhandlungen einlassen, bevor nicht die palästinensischen Gefangenen freigelassen würden, die im Austausch mit Schalit befreit, kurz darauf aber wieder inhaftiert worden waren.

Die Familie von Avraham Mengistu kritisiert die zurückhaltende Reaktion der Regierung und glaubt, dieser Fall wäre von Anfang an anders angepackt worden, wäre Avraham Mengistu nicht äthiopischer, sondern weißer Israeli. "Am Tag des Geschehens rief jemand vom Inlandsgeheimdienst Schin Bet oder der Polizei an und sagte, mein Bruder sei in Gaza", erzählte Yalo Mengistu. "Ich habe es meinen Eltern und Geschwistern erzählt. So haben wir es erfahren. Aber niemand kam zu uns." Erst als Yalo die Knesset-Abgeordnete Pnina Tamano-Shata, eine Jüdin mit äthiopischen Wurzeln, informierte, sprach ein Armee-Repräsentant mit der Familie.

In den zehn Monaten seit dem Verschwinden des 28-Jährigen habe Premierminister Benjamin Netanjahu weder mit der Familie Mengistus gesprochen noch sie besucht oder auf ihr Schreiben reagiert. Erst am Mittwoch, kurz vor Aufhebung der Nachrichtensperre, habe er die Familie angerufen und sie zu einem Treffen eingeladen.

Der Premierminister beteuerte, man werde alles tun, um die beiden Israelis zurückzubringen: "Ich habe einen Repräsentanten ernannt, der die gesamten Aktivitäten in dieser Angelegenheit koordiniert und mit den Familien in Kontakt steht."

Erstaunt zeigten sich gestern auch israelische Politiker, die nicht über den Fall informiert worden waren. Selbst das politische Sicherheitskabinett ist "Haaretz" zufolge nicht über das Verschwinden Mengistus auf den neuesten Stand gebracht worden. Während der Kabinettssitzung sei kein Wort dazu gefallen.

Quelle: RP
 
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