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Nach Selbstmordanschlag: Israelische Truppen besetzen Nablus

zuletzt aktualisiert: 19.06.2002 - 15:52

Nablus (rpo). Israelische Truppen sind am Mittwochmorgen erneut in die Stadt Nablus im Westjordanland eingerückt. Nach palästinensischen Augenzeugen wurde die Stadt ohne großen Widerstand besetzt.

Nach dem schlimmsten Anschlag in Jerusalem seit gut sechs Jahren plant Israel eine neue Strategie zur Terrorbekämpfung. Die Regierung kündigte am Mittwochmorgen eine schrittweise Wiederbesetzung palästinensischer Autonomiegebiete an. Diese werde mit jedem Attentat ausgeweitet und so lange andauern wie der Terror. Führende Palästinenser warnten, dass diese Maßnahme nur zu neuem Blutvergießen führen werde. Israelische Truppen rückten erneut in drei Städte im Westjordanland ein.

Die Wiederbesetzung autonomer Gebiete werde schon in Kürze erfolgen, hieß es aus dem Büro von Ministerpräsident Ariel Scharon. Regierungssprecher Arieh Mekel erklärte, der palästinensische Präsident Jassir Arafat solle auf diese Weise gezwungen werden, gegen den Terror vorzugehen. Arafats Berater Ahmed Abdel Rahman entgegnete, die Pläne erhöhten nicht die Sicherheit Israels, wohl aber die Gefahr von noch mehr Gewalt. Der palästinensische Sicherheitschef im Westjordanland, Dschibril Radschub, erklärte, unter diesen Bedingungen sei eine Zusammenarbeit mit Israel bei der Festnahme mutmaßlicher Extremisten unmöglich.

Nach dem Selbstmordanschlag vom Dienstag mit 20 Toten und 55 Verletzten rückten israelische Truppen abermals in Dschenin ein und schnitten die Stadt vom angrenzenden Flüchtlingslager ab. Es wurde ein Ausgehverbot verhängt. Augenzeugen zufolge wurden Männer zwischen 15 und 45 Jahren zum Verhör zu einem nahe gelegenen Militärstützpunkt abgeführt. Später drangen Panzer und Soldaten in Nablus ein, wo nach Armeeangaben drei Verdächtige festgenommen wurden. Auch in Kalkilja suchten Truppen nach mutmaßlichen Extremisten. Im Raum Hebron habe es sechs Festnahmen gegeben, hieß es.

Die Führer mehrerer Extremistengruppen begrüßten auf einer Konferenz in Beirut die palästinensischen Anschläge der letzten Zeit und kündigten weitere Attentate an. Unter den Teilnehmern waren Vertreter der Hamas, die sich zu dem Anschlag vom Dienstag bekannt hatte, sowie Ahmed Dschibril, Gründer der in Syrien ansässigen Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC), und Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah.

Prominente Palästinenser, darunter die Abgeordnete Hanan Aschrawi, unterzeichneten unterdessen einen ganzseitigen Appell in der Zeitung "Al Kuds", in dem radikale Organisationen aufgerufen werden, junge Leute nicht länger zu Selbstmordanschlägen auszusenden. Diese würden nur den Hass in der Region verstärken.

Bush-Rede frühestens am Donnerstag

Wegen des jüngsten Anschlags verschob US-Präsident George W. Bush seine mit Spannung erwartete Rede zur Lage im Nahen Osten. Aus dem Weißen Haus verlautete, er werde sich frühestens am Donnerstag äußern und zuvor mit seinen Beratern die Auswirkungen des Attentats erörtern. Zuvor war in Washington bekannt geworden, Bush wolle seinen Außenminister Colin Powell zu einer neuen Nahost-Vermittlungsmission entsenden. Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Bush hatte sich mehrfach für einen palästinensischen Staat ausgesprochen. Als jüngster Vorschlag war von einem Übergangsstaat auf dem Territorium die Rede, das die Palästinenser zurzeit kontrollieren. Das sind etwa 40 Prozent des Westjordanlands und zwei Drittel des Gazastreifens.

Quelle: RPO Archiv

 
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