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Jerusalem
Israels verschwundene Kinder

Jerusalem. In den Gründungsjahren des jüdischen Staats sollen Tausende Kinder arabischer Einwanderer verschleppt worden sein. Jetzt könnten die Archive über dieses dunkle Kapitel geöffnet werden. Von Aron Heller

Der ungeheuerliche Verdacht besteht seit Jahrzehnten: Kurz nach ihrer Ankunft in Israel in den 50er Jahren sollen Tausende Kinder arabischer Juden verschwunden sein. Viele Israelis sind überzeugt, dass die Babys entführt und kinderlosen Paaren mit europäischen Wurzeln übergeben wurden. Die Vorwürfe staatlich organisierten Kinderraubs hielten sich. Das dunkle Kapitel rührt an eines der sensibelsten Themen des jüdischen Staats: die Spannungen zwischen Juden europäischer Herkunft und Juden aus der arabischen Welt.

Jetzt könnte Israels Regierung die Archive öffnen. Den Schritt hat Nurit Koren initiiert, Abgeordnete der regierenden Likud-Partei mit jemenitischen Wurzeln und neu im Parlament. "Ich möchte die Wahrheit wissen. Ich will wissen, wer die Kinder genommen hat, wohin sie gebracht wurden und ob sie leben", sagt sie. "Das ist eine schlimme Wunde, die geöffnet werden muss, um die Gesellschaft zu heilen."

Nach der Gründung Israels 1948 wurden die aus dem Nahen Osten und dem Norden Afrikas ins Land strömenden Juden in provisorischen Durchgangslagern gesammelt. Von der aus Europa eingewanderten Elite des Landes fühlten sich die orientalischen, Arabisch sprechenden Immigranten schnell ausgegrenzt. Auch mehr als 50.000 jemenitische Juden kamen ins Land, oft mittellos und mit großen Familien. Manche Kinder starben im Chaos der Lager oder wurden von ihren Eltern getrennt.

"Zeit für Gerechtigkeit"

Der Verdacht, dass viele Kinder aus dem Jemen, dem Irak, Tunesien oder Marokko verschleppt wurden, wird von Berichten der leiblichen Familien gestützt, die Einberufungsbescheide fürs Militär oder Steuernummern für die vermeintlich toten Kinder erhielten. Doch drei hochkarätig besetzte Kommissionen schlossen ihre Untersuchungen mit dem Ergebnis, die meisten Kinder seien an Krankheiten in den Lagern gestorben. Im jüngsten Bericht 2001 hieß es, einige seien möglicherweise von einzelnen Sozialarbeitern zur Adoption übergeben worden, aber nicht im Rahmen einer staatlichen Verschwörung.

Unter Verweis auf den Datenschutz sollten die Zeugenaussagen 70 Jahre lang unter Verschluss bleiben. Doch auf Drängen Korens beauftragte Regierungschef Benjamin Netanjahu nun einen Minister mit der erneuten Prüfung und eventuellen Veröffentlichung des gesammelten Materials: "Es ist Zeit herauszufinden, was passiert ist, und Gerechtigkeit walten zu lassen."

Vor allem Angehörige der zweiten und dritten Generation sorgten dafür, dass das öffentliche Interesse wieder aufflammte: Sie sammelten neue Zeugenaussagen, starteten Aufklärungskampagnen und richteten eine DNA-Datenbank für die Betroffenen ein. Avi Josef ist Korens Schwager und Leiter der Organisation "Achim Vekajamim" ("Brüder und immer noch da"). Der Anwalt schätzt, dass rund 5000 Kinder geraubt wurden, vor allem aus jemenitischen Familien in den 50er Jahren. Auch seine Tante und zwei seiner Cousins seien verschwunden.

Keine Informationen, keine Leichen, keine Möglichkeit zu trauern

Die Schilderung seiner Mutter ist typisch: Demnach sollte sie ihre vierjährige Schwester Saada ins Krankenhaus bringen und erhielt nur Stunden später die Nachricht, ihre Schwester sei tot. Weitere Informationen gab es nicht, auch keinen Leichnam. Seine Familie habe gegen die Behörden nichts ausrichten können, erzählt der 45-jährige Josef: "Zuerst wurden sie traumatisiert, dann durften sie keine Ansprüche geltend machen. Sie ließen sie nicht einmal richtig trauern."

Seine 84-jährige Mutter Jona weint, als sie ein altes Kinderbild aus dem Jemen umklammert. "Meine Schwester verschwand einfach, als hätten sie sie auf den Mond gebracht", klagt sie. "Es tut mir noch immer im Herzen weh." Josef betont, die Kinder hätten nicht ohne institutionelle Unterstützung verschleppt werden können.

Der Dichter und Aktivist der Organisation Amram, Schlomi Hatuka, wird deutlicher: "Das ist ein Verbrechen größten Ausmaßes, das fast jede Familie angeht. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und unterscheidet sich nicht von jedem anderen Holocaust." Er fordert die Freigabe aller Adoptionsakten in Israel: "Wer in den 50er Jahren adoptiert wurde, kann sich nicht sicher sein, wer seine Eltern waren."

Nachdem die Berichte jahrelang als Schauermärchen abgetan wurden, zeichnet sich in der israelischen Bevölkerung inzwischen breite Unterstützung für neue Untersuchungen ab. Doch weil nur noch wenige Verantwortliche am Leben sind und andere die Öffentlichkeit scheuen, werden viele Schicksale vielleicht nie aufgeklärt.

(ap)
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