| 16.20 Uhr

Analyse
Ist die AfD der neue Wirtschaftsflügel der CDU?

Düsseldorf. Seit der Union kluge Köpfe wie Friedrich Merz abhanden gekommen sind, hat sie wirtschaftliches Profil eingebüßt. Davon profitiert Bernd Luckes AfD. Von Reinhold Michels

Zugegeben, dies ist bloß ein gedankliches Experiment: Gäbe es den Volkswirtschaftsprofessor Bernd Lucke, der nach 33 Jahren Mitgliedschaft die CDU verließ, an der Spitze der neuen Partei "Alternative für Deutschland" (AfD), wenn ein CDU-ler wie der wirtschaftsliberale bürgerliche Friedrich Merz in der Union noch eine wichtige Rolle spielte?

Und: Wie schnell würde sich dann die immer öfter zu spürende Verstimmung in bürgerlichen, wirtschaftskundigen Kreisen über die politische Konturlosigkeit der Union verflüchtigen, die sich seit Ende 2013 in der Koalition mit der SPD sozialdemokratisieren lässt?

Ein Zeugnis von Bangigkeit

Man muss Exponenten konservativ-liberaler Bürgerlichkeit wie den Sauerländer Rechtsanwalt Merz oder den leider ins Unternehmerische verdufteten Roland Koch in ihrer Bedeutung nicht überhöhen - aber ihr Abgang aus der aktiv betriebenen Politik lässt bei der heraufziehenden Mitte-rechts-Konkurrenz namens AfD den erlahmten Wirtschaftsflügel der CDU besonders schlapp erscheinen.

Untaugliche Versuche mancher CDU-Recken, etwa des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, den versierten Ökonomen Lucke zum rechtslastigen Sonderling zu stempeln, mit dem man sich nicht in ein Talkshow-Studio setzen mag, zeugen von Bangigkeit.

Sie irritiert Noch-CDU-Sympathisanten, die mit Luckes Euro-Abneigung hadern, aber ihn nicht ausgesondert sehen wollen. Zumal von den Wirtschafts-Abstinenzlern in der Union noch nicht zu vernehmen war, gemeinsame TV-Talks mit der Linkspartei-Ökonomin Sahra Wagenknecht zu meiden.

Eigentlich sollte die AfD Ansporn sein

Wer nicht bereit ist, argumentativ die Klingen zu kreuzen, hat womöglich keine geschärften politischen Waffen mehr. Das wäre dann nicht das Problem von AfD und Linkspartei, wohl aber der Partei Ludwig Erhards, als die sich die CDU gerne bezeichnen lässt.

Thomas Köster, Leiter des Kompetenzzentrums Soziale Marktwirtschaft der Handwerkskammer Düsseldorf, zählt zu den wirtschaftskundigen Konservativen, die besonders von einer wirtschaftssachverständigen Partei mehr Mut zum Widerspruch gegen EU-Zentralismus und zum Ja für eine bürger- und mittelstandsfreundliche Steuerpolitik erwarten.

Als Steuersenkungspartei wirkt die CDU so wie ihre Partnerin SPD: nicht engagiert. Der ehemalige Christdemokrat Lucke und seine AfD müssten gerade ökonomisch geschulten Christdemokraten Ansporn sein, miteinander zu debattieren; wo sonst als in der geistig-politischen Auseinandersetzung ließe sich das verblasste CDU-Profil wieder schärfen.

Mit Merz ist Mut abhanden gekommen

Dass sich in der AfD einige üble Figuren tummeln, die behindertenfeindlich sprechen oder gegenüber den Chancen von Zuwanderung mit Blindheit geschlagen sind, ist Luckes Problem. Er wird seine junge Partei nicht zum rechten Haufen verkommen lassen und so die entsprechenden Denunziations-Mühen von links füttern wollen.

Noch einmal zu Merz: Einer wie er fehlt der CDU als Finanz- und Wirtschaftskopf und als moderner Konservativer in der gesellschaftspolitischen Wertediskussion. Wer in der Unions-Spitze hätte noch den Mut, öffentlich zu sagen, was zur politischen DNA der CDU gehört: Werte wie Selbstverantwortung, Gemeinsinn, Leistung und sozial verantwortliches Erwerbsstreben?

Und dies noch: Warum wohl hat Friedrich Merz auf einem CDU-Bundesparteitag 2001 in Dresden den stärksten Beifall für dieses Bekenntnis zu Ehe und Familie bekommen: "Ich möchte mich verdammt noch mal bei niemandem dafür entschuldigen müssen, dass ich seit 20 Jahren mit derselben Frau verheiratet bin und dies auch in den nächsten 20 Jahren zu bleiben gedenke."

Quelle: RP
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