| 09.20 Uhr

Berlin
Jamaika-Aus gibt den Grünen Aufwind

Berlin. Die Öko-Partei hat sich in den Sondierungen mit Union und FDP als einig, kompromissbereit und standhaft erwiesen. Das zahlt sich aus. Von Birgit Marschall

Der Paukenschlag der FDP hat die Grünen erschüttert und enttäuscht. "Ich glaube, wir brauchen jetzt alle eine Therapie", sagte Schleswig-Holsteins Vize-Ministerpräsident Robert Habeck. Auch in der Bundestagsfraktion am Montagnachmittag herrschte Frustration. Aber eines sind sie nicht, die Grünen: Unzufrieden mit sich selbst. Das 14-köpfige Sondierungsteam habe so gut wie alles richtig gemacht. Aufstellung und Strategie während der Verhandlungen seien aufgegangen, heißt es unisono.

Es sieht ganz so aus, als sei dies auch der überwiegende Eindruck in der Bevölkerung nach dem gescheiterten Jamaika-Experiment. Dass die Grünen trotz erheblicher Differenzen zur Union und zur FDP einen pragmatischen, konstruktiven Kurs gefahren haben, scheint in der Öffentlichkeit hängengeblieben zu sein. Die Öko-Partei war am Ende sogar bereit, weitgehende Zugeständnisse in der Flüchtlingspolitik zu machen, um dafür im Gegenzug wichtige Erfolge in der Klima-, Umwelt- und Europapolitik zu erzielen. Die Grünen stellten damit nicht nur ihre Ernst- und Standhaftigkeit unter Beweis, sie konnten auch ihr Profil als Umweltpartei schärfen.

Das zahlt sich offenbar aus: In einer Blitzumfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa schnitten die Grünen als einzige Partei besser ab als vor den Sondierungen. Sie kamen auf zwölf Prozent und teilten sich damit Platz drei mit der AfD. Bei der Bundestagswahl landeten sie mit 8,9 Prozent nur auf Platz fünf. "Selbst Leute, die nicht zu unserer Kernwählerschaft gehören, haben uns viel Erfolg bei den Verhandlungen gewünscht. Es gibt eine Wertschätzung unserer Arbeit, die weit über unsere engere Wählerschaft hinausgeht", hat der Grünen-Politiker Gerhard Schick beobachtet. "Wir haben die Sondierungen ernst genommen und dafür Kompromissangebote bis an unsere Schmerzgrenze gemacht", sagte der Anführer der Parteilinken, Jürgen Trittin. Die FDP "stand mit ihrer Verweigerung von Verantwortung am Ende allein." Das war das Kalkül von Strategen wie Trittin im Falle eines Scheiterns: Nicht die Grünen sollten den Schwarzen Peter erhalten. Deshalb blieben die Grünen trotz aller Zumutungen von FDP oder CSU am Verhandlungstisch. Für die Grünen war das nie einfach. Es gehöre "einfach zur Wahrheit, dass die Gespräche unglaublich schwierig waren", sagte Habeck "Spiegel Online". Auch die Grünen hätten mehr als ein dutzend Mal an Abbruch gedacht, aber uns immer wieder mühsam zusammengerauft.

Den Unterschied machte die innere Verfassung der Partei: Anders als die FDP waren die Grünen nach zwölf Jahren Opposition einig, bereit und auch selbstbewusst genug, einen Pakt mit den Gegnern einzugehen. Auch auf dem Parteitag am Samstag, der nun weniger brisant sein wird, erwarten selbst Parteilinke keine größeren Auseinandersetzungen. "Ich gehe nicht davon aus, dass es auf dem Parteitag eine harte kritische Debatte gibt. Die Zufriedenheit mit der Arbeit des Sondierungsteams ist groß", sagte Schick.

Quelle: RP
 
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