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Fukushima
Japan kämpft um Rückkehr zur heilen Welt

Fukushima. Die Menschen in Fukushima und den Nachbar-Präfekturen wollen nach der Dreifach-Katastrophe im März 2011 endlich zurück zum normalen Leben. Dazu gehören große Anstrengungen, Produkte der Region wieder zu exportieren. Doch manche Kunden haben Angst vor Verstrahlung. Von Helmut Michelis

Alarm in der Fischmarkthalle: Ein Seelachs irgendwo aus dem Meer vor der Atomruine von Fukushima weist erhöhte Radioaktivitätswerte auf. Eine Warnleuchte an der futuristisch anmutenden, metallisch glänzenden Kontrollstraße in der Halle von Ishinomaki blinkt auf, ein Schieber sortiert die belastete Probe automatisch aus, während ein Mitarbeiter im weißen Kittel aus dem Nebenraum herbeieilt - alles nur eine Demonstration für den Gast aus Deutschland. "Wir haben seit vielen Monaten keinen verstrahlten Fisch mehr angeliefert bekommen", betont Kunio Sunou, der Präsident der Ishinomaki Fischmarkt AG.

880 Meter lang ist die Auktionshalle, die rund 15 Millionen Euro gekostet und gerade den Betrieb aufgenommen hat. Die Prüfanlage entwickelte eine Universität, die Stadt Ishinomaki und die Fischer teilen sich die Kosten für die sechs Mitarbeiter, die ausschließlich mit dem Strahlenspüren beschäftigt sind. In dem Gewerbegebiet gibt es ausschließlich Neubauten - an dieser Stelle hatte der Tsunami besonders gewütet. "Ich habe mich damals zum Glück noch auf einen Hügel retten können und musste dort zwei Tage ausharren, bis ich gerettet wurde", berichtet der Taxifahrer auf dem Weg vom Hotel zum Fischmarkt. "Es hat unsere Heimatstadt besonders schlimm getroffen, ein ganzer Stadtteil ist verschwunden."

Der Schau-Alarm von Ishinomaki ist nur ein Beispiel von vielen: Die japanischen Behörden betreiben großen Aufwand, um die Sicherheit der Produkte aus der Region zu bestätigen. Im Zentrum für Landwirtschaftstechnologie in Fukushima zerkleinern mehrere Angestellte Früchte und prüfen sie mit diversen Testgeräten auf radioaktive Belastung - eine Gruppe ausländischer Botschafter ist eingeladen, um sich von der funktionierenden Überwachung zu überzeugen. 149.494 Proben vom Honig über Äpfel bis Weizen habe man seit der Katastrophe analysiert, informiert ein Mitarbeiter. Die Ergebnisse würden auf der Internet-Seite des Zentrums veröffentlicht. Probleme machten zurzeit noch die Waldpilze, die nicht zum Verzehr freigegeben werden könnten.

Der Aufwand hat seinen Hintergrund: Es geht nicht nur um den Schutz der Verbraucher, sondern auch um die in ihrer Existenz bedrohten Fischer und Landwirte, wie beim Besuch der Obstbauern-Familie Saitoh in Date nordöstlich der Stadt Fukushima deutlich wird. Die vier mächtigen Daruma-Figuren, beliebte Glücksbringer in Japan, schauen grimmig vom Hochregal herab in das Wohnzimmer - ganz so, als würden sie noch an die vielen düsteren Monate denken, während der die Landwirte in der Präfektur Fukushima vor dem Ruin standen. "Das schwere Erdbeben hatte unser Haus ganz gut überstanden. Nur einige Dachziegel waren heruntergefallen", erinnert sich Toshiyuki Saitoh (66) an den Schicksalstag 11. März 2011. "Wir dachten: Ein Glück, das ist überstanden." Doch die wirkliche Katastrophe für die Familie sollte noch folgen: Das knapp 70 Kilometer entfernte Kernkraftwerk Nr. 1 in Fukushima war durch die Flutwelle außer Kontrolle geraten; erste Evakuierungen fanden statt, eine Sperrzone wurde eingerichtet. Die Folge: Die Produkte der Bauern aus der Gegend wollte aus Furcht vor der unsichtbaren Radioaktivität keiner mehr abnehmen.

"Wir haben unsere doch so beliebten Pfirsiche prüfen lassen, aber niemand wollte sie kaufen", berichtet Saitoh. "Die schlechten Gerüchte waren mächtiger als unsere Zertifikate." Seine Frau Shizuko serviert unterdessen zwei der großen Früchte. Ja, sie schmecken tatsächlich hervorragend, eine Verstrahlung würde man indes nicht bemerken - diese Befürchtung mancher Verbraucher ließ den Absatz weiter einbrechen: "Es gab Pfirsichbauern, die haben schon gar nicht mehr geerntet." Kein Wunder, denn nicht nur außerhalb Japans steht der Name Fukushima, auf Deutsch "Glücksinsel", für einen bedrohlichen, gefährlich verstrahlten Ort ähnlich wie Tschernobyl in Weißrussland. Kaum jemand weiß, dass neben der Großstadt Fukushima auch die Präfektur so heißt, deren Gebiet knapp dreimal so groß ist wie der Regierungsbezirk Düsseldorf und bis in die Berge am Horizont hineinreicht.

In ihrer Verzweiflung beschlossen die Landwirte, ihre Obstbäume im Winter öffentlich abzusprühen - mit bösen Folgen: Das Wasser zerstörte die empfindlichen Gewächse, zumal es auch noch gefror. "Die Bäume keimten nicht mehr richtig, so dass wir sie ersetzen mussten", beschreibt Toshiyuki Saitoh den erneuten Tiefschlag. Doch selbst dieser Austausch habe das allgemeine Misstrauen nicht ausräumen können; gut gemeinte Sponsoring-Aktionen mit Baseball-Stars oder Fernsehberichte von den Plantagen erzielten bei den Verbrauchern ebenfalls wenig Wirkung.

In der größten Not gab Sohn Satoshi Saitoh (39), Ingenieur in einer Elektronikfirma, seine Stelle auf, um den Eltern beizustehen. 400 Bäume, die etwa 60 Tonnen Pfirsiche geben, besitzt die Familie. Trotzdem schien die Lage hoffnungslos. Die Rettung brachte unerwartet das thailändische Königshaus: Es vertraute den japanischen Bauern und den staatlichen Prüfern, importierte die Früchte und lobte ihre Qualität. "Das war die Wende für uns. Jetzt gibt es auch wieder Bestellungen aus Europa", sagt Toshiyuku Saitoh und zeigt stolz ein Foto von ihm mit einer Hofdame in Bangkok, der er im Auftrag der Obstbauern der Region gedankt hatte. "Wir haben fast den Umsatz vor der Katastrophe wieder erreicht."

Die Anstrengungen, die drei besonders schwer betroffenen Präfekturen Fukushima, Miyagi und Iwate wieder in ein normales Leben zurückzuführen, sind vielfältig. Die Regierung investiert rund 250 Milliarden Euro in den Wiederaufbau, wozu fast jeder Japaner durch Steuererhöhungen beiträgt. Die Dimensionen des Problems macht im eigens gegründeten Wiederaufbauministerium in Tokio dessen Sprecher Shinya Fujita deutlich: "15.893 Menschen sind damals gestorben, 2572 werden noch immer vermisst. Von den 470.000 Flüchtlingen leben jetzt noch etwas weniger als 200.000 in Notunterkünften." Vor allem ältere Menschen hätten sich dort inzwischen arrangiert und wollten nicht mehr nach Hause zurück, jüngere sähen in der Heimat keine berufliche Zukunft mehr und gingen lieber in die Großstädte. Noch immer gibt es Sperrzonen, deren Betreten verboten ist.

Mehr als 120.000 Häuser wurden durch das Erdbeben und die Flutwelle total zerstört, mehr als eine Million beschädigt. Ganze Dörfer und Stadtteile müssen neu errichtet werden, von 21.000 geplanten neuen Häusern seien zum Jahresende vermutlich rund 10.000 fertig, sagt Fujita. Millionen Tonnen verstrahlter Erde werden zurzeit abgetragen, neue Dämme entstehen. Mit Aufschüttungen sollen künftige Wohn- und Industriegebiete besser vor Flutwellen geschützt werden.

Viele Freiwillige helfen ehrenamtlich in der Region, wie Yukina Shimamoto, die in Miyagi den Verein "Fisherman Japan" mit aufgebaut hat. "Das Fischereiwesen war fast zusammengebrochen. Es hat nicht nur mit der Katastrophe zu tun, dass es in ganz Japan nur noch 170.000 Fischer gibt. Vor 20 Jahren waren es noch 320.000." Junge Leute wollten nicht mehr in diesem Bereich arbeiten, er gelte als schmutzig, gefährlich und schlecht bezahlt. Das wollen Shimamoto und ihre Vereinskollegen ändern und werben - unter anderem mit einer Rockmusik-CD, Plakaten, Info-Ständen in Einkaufszentren, Erlebnisreisen auf einem Fischkutter und einem Kalender mit Fotos der "schönsten Fischer" der Region - für den aussterbenden Beruf, offenbar mit ersten Erfolgen.

Unterstützung kommt auch aus Deutschland: Das Land Nordrhein-Westfalen und die Präfektur Fukushima haben gerade eine enge Zusammenarbeit auf medizintechnischem Gebiet beschlossen. Und auf Initiative des früheren Mönchengladbacher Fußballprofis Gerd Engels trainieren Studenten im Rahmen einer DFB-Initiative Kinder, die noch in Notunterkünften wohnen. Zurzeit verbringen Daniel Meyer (22) und Paul Preuß (21) aus Berlin ihren Urlaub in Japan und geben als Reisende in Sachen Fußball täglich Übungsstunden in der Region. Ihr japanischer Begleiter Kunihoko Otaha erläutert den Sinn der Aktion mit einem einzigen Satz: "Die Kinder sollen wieder lachen können."

Quelle: RP
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