Israel: Vergeltungsangriffe auf Hisbollah-Miliz: Kabinett berät über Abzug aus Südlibanon
zuletzt aktualisiert: 27.02.2000 - 22:31Beirut (AP). Offenbar als Vergeltung für einen Bombenanschlag auf ein Fahrzeug der mit Israel verbündeten Südlibanesischen Armee (SLA) haben israelische Kampfflugzeuge am Sonntag Stellungen der Hisbollah-Miliz angegriffen. Bei dem Anschlag nahe Merdschajun waren am Vormittag drei SLA-Soldaten verletzt worden. In Jerusalem beriet unterdessen das israelische Kabinett über den Abzug aus Südlibanon. Kritische Äußerungen des französischen Premierministers Lionel Jospin über die Hisbollah führten zu einem Streit mit Staatspräsident Jacques Chirac.
Israel bestätigte die Angriffe außerhalb der so genannten Sicherheitszone. Die Kampfflugzeuge seien sicher zu ihrem Stützpunkt zurückgekehrt. Die Hisbollah berichtete indes in einer Erklärung über zahlreiche eigene Angriffe auf israelische Stellungen. Nach Angaben aus libanesischen Sicherheitskreisen wurde dabei niemand verletzt. Die Lage in der Region hatte sich vergangene Woche erstmals seit Ende Januar wieder entspannt. Zwischen dem 25. Januar und dem 11. Februar waren bei Hisbollah-Angriffen in Südlibanon sieben israelische Soldaten getötet worden.
Im Mittelpunkt der Beratungen in Jerusalem stand der Zeitplan für die Räumung der Sicherheitszone. Ministerpräsident Ehud Barak hat einen Abzug bis Juli angekündigt. Er sprach angesichts der israelischen Stationierung in der Region von einer "18-jährigen Tragödie". Bislang machte er einen Rückzug von einer Einigung mit Syrien abhängig, der Ordnungsmacht in Libanon. Die israelisch-syrischen Gespräche liegen derzeit auf Eis, und Barak signalisierte erstmals Bereitschaft für einen einseitigen Abzug. In Libanon sind mehr als 30.000 syrische Soldaten stationiert.
Zu dem Anschlag bei Merdschajun bekannte sich die Hisbollah. Ein Sprecher der Miliz sagte in Beirut, Ziel des Angriffs sei ein Fahrzeug der SLA gewesen. Alle Insassen seien verletzt worden. Israel sprach von drei Verletzten.
Die Tageszeitung "Haaretz" berichtete indes, Iran habe neue Boden-Boden-Raketen nach Libanon geliefert, die eine zwei- bis drei Mal größere Reichweite hätten als die bisher von der Hisbollah eingesetzten Waffen. Israel habe die USA über die Lieferung informiert, hieß es.
Chirac warf Jospin unterdessen indirekt vor, er habe sich unausgewogen geäußert und damit der französischen Glaubwürdigkeit im Nahen Osten geschadet. In einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung des Staatspräsidenten hieß es, Jospin habe der Fähigkeit Frankreichs zum Friedensstiften in der Region geschadet. Dies habe der Staatschef dem Premierminister in dem Telefonat deutlich gemacht. Jospin hatte am Donnerstag in Jerusalem Hisbollah-Angriffe auf israelische Soldaten in Südlibanon als "terroristische Akte" verurteilt. Am Samstag wurde er deswegen im Westjordanland von palästinensischen Studenten mit Steinen beworfen.
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